Mein neues Buch: The Boys Of My Life – Die Story eine schwulen Lebens

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Cute Boys findest Du auf der ganzen Welt. Ungeoutete Jungs in Moskau, geheimnisvolle Teenager in Mumbai oder offene Gays in Rio. Und die freuen sich so, das kannst du dir kaum vorstellen, auch wenn sie von einem älteren Mann angesprochen werden. Auf meinen monatlichen Reisen durch die ganze Welt suche ich keine schnellen Ficks, davon bleiben keine nachhaltigen Erinnerungen. Gute Gespräche bereiten den Boden für lange Freundschaften. Auch wenn wir weit voneinander entfernt sind, verbinden uns Instagram, Whatsapp und Telegram. Lifevideochatts rund um die ganze Welt bringen uns zusammen. Auch wenn wir uns manchmal nichts zu erzählen haben.

Rio Reiser, Jimi Somerville und Marc Almond

Als Musikjournalist konnte ich die schwulen Protagonisten Rio Reiser („König von Deutschland“), Jimi Somerville („Small Town Boy“) und Marc Almond („Tainted Love“) persönlich kennen lernen. Jimi erzählte mir in den 80er Jahren, wie schwer sein Kampf gegen Vorurteile war. Rio erklärte mit in einem Interview im den 90er Jahren, dass er gern jeden Applaus der linken Studenten gegen einen netten Boy getauscht hätte. Selbst als Ikone der Studentenbewegung („Macht kaputt was Euch kaputt macht“) durfte sich nicht zu seiner Homosexualität bekennen. Marc Almond („Tainted Love“) betrachtete sich selbst schon immer mehr als theatralischen Künstler. In Theaterkreisen war Schwulsein nie ein Problem. Der Liedermacher Klaus Hoffmann aus Berlin war nie schwul, aber er bringt mit seinem Lied „Wenn ein Mann einen Mann liebt“, die LGBT-Probleme genau auf den Punkt.

Meine Freunde

So verschieden meine Freunde aus 40 Jahren waren, Uwe, Andreas, Mason, Jörg, Ruben, Clemens, Marco, Dirk, Alexander, Wilhelm, Christian, Nathan, Lars, David, Mirko, Damian, Jonas, Lennard, und Lenny, so ähnlich waren unsere Beziehungen geprägt von viel Vertrauen, Respekt und offenem Interesse. In meinem Leben habe ich das Meiste von jungen Leuten gelernt, und lerne auf jeder Reise ganz viel Neues dazu.

Für Uwe war ich wichtigster Gesprächspartner zwischen seinen Freudinnen. Andreas war von meiner Hilfsbereitschaft überwältigt. Mason verzweifelte als schwarzer, schwuler Hooligan an eigenen Gefühlen. Jörg nahm sich wegen einer Freundin das Leben. Ruben fickt alles. Clemens genießt die Sicherheit des körperlichen Abstandes. Marco kam in mein Bett gekrochen. Dirk ließ sich von Geld nicht schockieren. Alexander fühlt sich aufgehoben. Wilhelm fand einen Ersatzvater. Christian verwechselte Sex mit Gewalt. Nathan suchte Taschengeld. Lars brachte mich mit einer Falschaussage in den Knast. David wollte eine neue Welt kennen lernen. Geld machte Mirko geil. Damian fand seine Sexualität nicht. Jonas lebte sein Schwulsein aus. Lennard war immer ehrlich. Lenny konnte nie genug bekommen.

Kein Knast für Hasch

Obwohl ich weder Alkohol, Cannabis noch andere Drogen in meinem gesamten Leben konsumiert, geschweige denn besessen oder damit gehandelt habe, und ich mich als Schüler bei den Deutschen Jungdemokraten in den 70er Jahren an der Seite von Wolfgang Kubicki für die Legalisierung von Haschisch eingesetzt habe, wurde ich mit Falschaussagen von jungen Freunden wegen der Abgabe von Cannabis für Dreieinhalbjahre in den Knast gebracht. Dort begegnete ich RAF Terrorist Christian Klar bei der Arbeit – für den meine erste Freundin in den 70er Jahren geschwärmt hatte. Auch den linken Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm hatte ich schon als Jugendlicher kennen gelernt und später bei Interviews mit Klaus Lage wieder getroffen, der Christian Klar nach seiner Entlassung in seinem Abgeordnetenbüro beschäftigte.

Jeden Monat auf Weltreise

Meine Job als selbstständiger Arbeitsvermittler hat es mir in den letzten fünf Jahren ermöglicht, fast jeden Monat zwei bis drei Wochen durch die Welt zu reisen, während die Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellenangebote in meinen Postfächern eingingen. Ein paar Mails von unterwegs waren ausreichen, um Bewerber erfolgreich an interessierte Unternehmen zu vermitteln. Die Rechnungen dafür konnte ich nach meiner Rückkehr schreiben. Bei der Vermittlung halfen mir meine Erfahrungen aus zehn Jahren als Jobcoach und Trainer eines Bildungsträgers, für den ich zahlreiche Arbeitslose unterrichtet und vermittelt hatte. Das klassische Bewerbertraining war mir nie genug. Für aussagekräftige Bewerbungsunterlagen reichten ein bis zwei Unterrichtsstunden. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, die erstellten Bewerbungsunterlagen möglichst vielen Unternehmen und Personalentscheidern zur Verfügung zu stellen, um die Chancen der Arbeitslosen zu steigern und aus Arbeitsuchenden gesuchte Mitarbeiter zu machen. Um den Bewerbern ein erfolgreiches Anschreiben zu formulieren half mir meine Erfahrung als Journalist. Über Jahrzehnte hatte ich bundesweit in Tageszeitungen Texte und Fotos veröffentlicht. Schon als Abiturient konnte ich jeden Morgen in unserer Tageszeitung nachlesen, wie viele Zeilen von meinen Berichten über das Vereinsleben die Lokalredaktion übrig gelassen hatte, denn nur für die gedruckten Zeilen wurde ich bezahlt. Zum Schreibtraining für die Lokalseiten gesellte sich die Organisationserfahrung aus meiner Ausbildung zum Werbekaufmann und mein Interesse an der Fotografie. Als Musikjournalist durfte ich die größten Rock- und Popmusiker von Abba bis Zappa im Interview persönlich kennen lernen und auf der Bühne fotografieren. Paul MacCartney, Phil Collins und Sting haben mich dabei genauso beeindruckt wie Udo Jürgens, Leonard Cohen, Motörhead oder The Ramones. Gute Bewerbungsfotos helfen mir heute bei der Vermittlung von Arbeitslosen und meine Landschaftsfotos von den Reisen in alle Winkel der Welt erfreuen täglich meine Seele. Schreiben und Fotografieren waren auch die Grundlage für meine eigene Zeitung, ein Jugendmagazins, das von Werbeanzeigen und Veranstaltungen lebte. Eigene Ideen in Projekten umzusetzen, eigene Wege zum Erfolg zu finden und davon meinen Lebensunterhalt zu bestreiten war immer mein Ziel.

Dass mich ferne Länder, außergewöhnliche Landschaften und fremde Kulturen so faszinieren könnten, hatte ich mir vorher nie vorstellen können. Holland, Dänemark, Schweden, Frankreich, Spanien und Italien hatte ich schon als junger Mensch kennen gelernt. Aber ein geübtes Auge für atemberaubende Städte und Landschaften bekam ist erst bei Fotoreisen nach Südafrika, Patagonien, New York, Tokyo, Hongkong, Singapur, Dubai, Bangkok, Kapstadt, Grönland und Island, Australien und Neuseeland. Die Farben der Wasserfälle in Schottland konnten mich genauso begeistern wie die rote Wüste Namibias. Festgehalten auf tausenden Fotografien erlebe ich die Weltreisen beim Betrachten der Bilder genauso intensiv, wie mir die Portraits meiner jungen Freunde, die Freundeskreise aus vierzig Jahren Lebensreise die Erinnerung rufen und sich mit alle Details unserer Begegnungen in meinem Gedächtnis abbilden.

Zu meinem 60. Geburtstag hatte ich mir ein besonderes Geschenk gemacht. Stille und Einsamkeit statt eines großen, lauten Festes. Der Zuckerhut im Morgengrauen. Wie sich die rote Sonne über der Bucht von Rio de Janeiro erhebt. Der Blick von der Christus Statue auf die sie umgebenden zu spitzen Zuckerhüten geformten Granitkegel, die an grünen Bergen klebenden Favelas mit ihren bunt ineinander geschachtelten Stein-, Holz- und Blechhütten, der weiße Sand an den urbanen Stränden, faszinierten mich noch mehr, als ich es mir im Traum vorgestellt hatte. Gern ließ ich mich auf langen Flügen von der Musik meiner ersten Lieblingsband aus den 70er Jahren in meine Jugend zurückversetzen. Mit klassischen Songs im Popgewand hatten mir Ekseption den Weg zum Rock bereitet. Ihre Klangzaubereien boten mir eine Brücke vom klassischen Klavierunterricht zur populären Rockmusik. Ganz besonders erinnerte mich der Titel „Julia“ an meine damalige Partnerin aus der Tanzstunde, in die ich unsterblich verliebt war. Leider ist die spätere Sportjournalistin und Ehefrau von Helmut Kohls Regierungssprecher Peter Böhnisch sehr jung verstorben. Auch der brasilianische Orchesterleiter Waldo de los Rios widmete sich klassischen Hits um sie als Popsongs zu interpretieren. Was hätte sich für mich besser als Musikkulisse auf dem Landeanflug auf Rio de Janeiro eignen können. Ich konnte auf dem Flug von Frankfurt ein wenig schlafen und fuhr direkt vom Flughafen zum Sonnenaufgang über dem Wahrzeichen der Stadt.

Meinem Lufthansaflug über den großen Teich sollten sich fünfzehn Einzelflüge quer durch Südamerika anschließen, die mich nach Chile, Peru und Bolivien brachten. Der Besuch bei einem jungen Freund ganz im Süden von Chile stand genauso auf dem Reiseplan wie die Atakama Wüste im Norden des Landes, die Indio Ruinenstadt Machu Picchu in Peru und die Salzwüste Uyuni Solar in Bolivien. Vom Mirante Dona Marta, einem der Christus Statue vorgelagerten Hügel, erstreckte sich die Sicht über die ganze Stadt. Ihre Seen, Berge, Buchten und Strände breiteten sich vor mir aus. Vom Fußballweltmeisterschaftsstadion Maracanã wanderte der Blick zur Copacabana. Wie wenige andere Großstädte, vielleicht Kapstadt oder Sydney, vereint Rio de Janeiro alle Farben in einem Bild. Das Blau des Wassers. Das Grün der bewaldeten Berge. Das Weiß der Strände. Und das Schwarz der Granitfelsen. Lange ruhten meine Augen auf dem berühmten, spitzen Monolith, hinter dem sich am anderen Ufer der Guanabara-Bucht eine ganze Reihe ähnlicher Kegel erhebt. Seine Ausstrahlung weckte in mir Erinnerungen an den Tafelberg in Kapstadt, die Lofoten, Fitz Roy und Torres del Paine in Patagonien, sowie den Blick auf den Uluru Ayers Rock in Australien beim Anflug aus dem Kabinenfenster.

Schon im Mannheimer Hauptbahnhof war mir eine Familie auf dem Bahnsteig aufgefallen. Eine junge Frau mit Kind und Großvater. Als der achtjährige den weißhaarigen Mann mit Papa ansprach wurde ich aufmerksam. Am Gate im Frankfurter Flughafen saß die Familie wieder vor mir und ich erinnerte mich, wem ich das Gesicht zuordnen musste. Ich hatte den früheren Bürgermeister und Bundestagsabgeordneten Lothar Mark sein Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Dabei war ich lange mit seinem Stiefsohn befreundet. Doch bei den Sozialdemokarten vor Ort war der für Lateinamerika zuständige Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion in Ungnade gefallen, als er eine christdemokratische Gemeinderätin heiratete und mit 64 Jahren dem jungen Familienglück den Vorzug gab. In Peru unterrichtete seine Frau an der deutschen Schule in Lima, während er sich um seinen Sohn aus dritter Ehe kümmerte. Mir waren noch Pressefotos in Erinnerung bei denen der Abgeordnete den früheren sozialistischen Präsidenten Basiliens Luiz Inácio Lula die Hand schüttelte. Nicht nur den gleichen Flug, auch dasselbe Hotel hatten wir zufällig gebucht. So dass ich zu meinem Geburtstag doch noch prominente Glückwünsche entgegen nehmen durfte.

Christopher

Nach drei Tagen Sightseeing schlendere ich am letzten Abend über Rios bekanntesten Männerstrand. Morgen wollte ich nach Sao Paulo aufbrechen, um mit dem Wagen die Atlantikküste zu erkunden. Auf meinem weiteren Weg durch Südamerika, über den Diamantina Nationalpark in Bahia, die Südspitze Patagoniens, zur Atacama-Wüste im Norden von Chile, nach Peru zur Ruinenstadt Machu Picchu und der Salzwüste Uyuni Salar in Bolivien, käme ich auf dem Rückflug in vier Wochen wieder für eine Nacht in Rio vorbei. Zwischen den Männerpärchen jeden Alters vielen mir die dunklen Augen von Christopher zwischen seinem gelockten Pony sofort auf. Der 20 jährige saß alleine zwischen ein paar älteren Herren und blickte mit seinem offenen Lächeln zu mir auf. „Hallo“, sagte er. „Sprichst du englisch?“ fragte ich ihn. – „Nein, nur ein Bisschen Italienisch und Französisch“. Ich fischte mein Smartphone aus der Hosentasche und bemühte den portugiesisch-deutschen Google-Übersetzer um ihn zu fragen, ob ich mich neben ihn setzen darf. Er strahlte mich an. Ich blickte ihm tief in die Auen. „Holst du uns was zu trinken?“ Ich brachte zwei Kokosnüsse mit Strohhalm von der Beach-Bar, die gerade schließen wollte. Christophers volle Lippen, sein kreisrunder Leberfleck neben der wohlgeformten Nase und seine leuchtend blauen Augen faszinierten mich sofort. Von seinen muskulösen, rundlichen Oberarmen ließ ich mich gern zum Gruß zu ihm ziehen. Seine gebräunte Haut war so weich und angenehm. Mal strahlten seine rosa Lippen frech zu mir herüber, um sein Gesicht gleich darauf in einen herzlichen Ausdruck fallen zu lassen.

Mit Händen, Füßen und Google-Übersetzer erzählt mir Christopher, wie er letztes Jahr von einem älteren Franzosen in die Schweiz eingeladen wurde und mit ihm durch Italien und Frankreich gereist war. Doch dass der Ältere ihn für Geld an Seinesgleichen zu vermieten gedachte und ihn in den europäischen Metropolen für sich anschaffen ließ, war dem Basilianer vorher nicht klar. Mit dem Geld seines letzten Freiers konnte er den Rückflug bezahlen und sich aus den Klauen seines Zuhälters befreien. Er muss mich für einen besseren Menschen gehalten haben. „Zahlst du meine Rechnung für die Drinks am Strand“ fragte er, und ich lud ihn zum Essen ein. Ein Haufen Mozzarella-Stricks mit Garnelen, beides köstlich paniert auf zwei großen Tellern im Strandrestaurant vor meinem Hotel an der Copacabana hatten mir schon Gestern alleine gut geschmeckt. Zusammen mit Christopher waren sie noch viel leckerer.

Ich hatte bisher nur negative Reaktionen erlebt wenn zwei Männer so unterschiedlichen Alters händchenhaltend, sich umarmend und liebkosend durch belebte Straßen turteln. In meiner Stadt zeigen sich junge Schwule ungern mit älteren Freunden, auch wenn sie sich von ihnen gern umschmeicheln lassen. Als Stricher, als Prostituierter zu gelten, ist ihnen unangenehm, selbst wenn sie Nähe wie Intimität genießen und der größere Altersabstand das sexuelle Verlangen steigern kann. Bei heterosexuellen Pärchen stört man sich an großen Altersunterschieden viel weniger. Mit zunehmendem Alter nicht mehr attraktiv auf jüngere Partner zu wirken, zählt zu den großen Ängsten der schwulen Community. Ich konnte das Gegenteil davon erleben, auch wenn sich jüngere Freunde ungern öffentlich zu ihren älteren Partnern bekennen mögen. In einer Mischung aus Eifersucht und Abscheu werden Moralvorstellungen auf ihnen fremdartig erscheinende Beziehungen projiziert. Und hatte ich schon mit Anfang 30 Jahren die wachsende Angst, auf attraktive Jungs nicht mehr anziehend wirken zu können, so wurde ich mit zunehmenden Jahren eines besseren belehrt. Meine Beziehungen wurden mit größerem Altersabstand vertrauten und intensiver.

In den Metropolen Brasiliens ist es die Liebe freier. Junge schmücken sich mit älteren Partnern. Sugar-Daddy ist ein Kompliment, kein Schimpfwort. Am schwulen Strand sind die Altersunterschiede größer, als in jedem deutschen Szene-Lokal, egal ob Café, Club oder Sauna. Und es stört sich keiner daran. Christopher präsentierte seine Eroberung den Passanten voller Stolz. Er wich mir kaum von der Seite, umarmte mich, küsste mich, hielt meine Hand und ließ seiner Freude freien Lauf. Mich packte ein ungewöhnlich angenehmes Gefühl. Nie hatte ich mich so frei, nie hatte ich mich so geliebt gefühlt. Unflätige Beschimpfungen, Fußtritte und Schläge auf öffentlicher Straße, eingeschlagene Autoscheiben, wenn ich mein Fahrzeug ausversehen vor dem eigenen Haus geparkt hatte, unangenehme Polizeikontrollen, erpresserische Kriminalbeamte, lebensblinde Staatsanwälte, alles das, was ich aus meiner Stadt Mannheim gewohnt war und meinen Alltag belastete, war in Brasilien weit weg. Christopher wusste wie der Abend enden könnte, ich hatte keine Ahnung, welche Zeit er mir spendieren würde. Auf keinem anderen Kontinent, in keinem anderen Land, sieht man so viele knutschende Pärchen unter freiem Himmel, jeden Geschlechts. Hier liegen Liebe und Sex unverhüllt und aufreizend auf den Straßen herum, wie sonst nirgendwo. Auch wenn die Augen der sich Liebenden ein wenig schamhaft zur Seite blicken, tanzen sie eng umschlungen durch die Straßen. Auch der Karneval in Rio legt mit seinen Transvestiten und Samba-Tänzern davon ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Christopher erzählte von seiner Tante, bei der er im Centro lebte. Ganz in der Nähe der berühmten bunt verkachelten Treppe Escadaria Selaron. Dort endete unsere erste Nacht.

Christopher frage nicht nach Geld, bevor wir in mein Hotelzimmer gingen. Er lebte von Gelegenheitsjobs in Cafés und Strandbars. Obwohl er nicht wusste, wie er sein Leben nächste Woche finanzieren und sein Zimmer nächsten Monat bezahlen sollte ließ er sich nicht von seinen Alltagssorgen plagen, sondern genoss unser Zusammensein. Gern kam er mit auf mein Hotelzimmer. Strahlend blicke er in gemeinsame Selfies. Er küsste mich mit Leidenschaft und befragte den Google-Übersetzer, was ich mir denn wünschen würde. Nein, weder wollte ich ihn ficken, noch mich von ihm ficken lassen. Selten durfte ich so intensive Gefühle spüren. Streicheln, Küssen, Lecken. Schließlich brachte Christopher eines seiner wenigen englischen Worte hervor. „Milk?“ sah er mich ungeduldig fragend an. Und wollte erkunden, ob wir jetzt zusammen kommen sollten. Wir würden in vier Wochen auf meiner Rückflug von Bolivien nochmals eine Nacht zusammen verbringen. Ich hatte mich für ein Leben ohne Partnerschaft entschieden. Eifersucht und Besitztum waren mir fremd. Liebeskummer wollte ich mir ersparen und doch intensive Freundschaften genießen, die mich in meinem Leben voran bringen würden.

Neben meinem Hotel in Sao Paulo kam ich mit dem Verkäufer einer Modeboutique ins Gespräch. Wir tauschten unsere Instagram Profile. Weil er wie ich gern fotografiere, verabredeten wir uns für den nächsten Tag. Ein junges schwules Pärchen probierte die pinkfarbenen Hosen in seiner Boutique an. Lange berieten sie sich, überlegten hin und her, fragten nach Preisen und Rabatten. Dem kleiner gewachsenen Roan gefiel eine besonders geschnittene Hose besonders gut. Sie war nicht teuer, aber er konnte sie sich trotzdem nicht leisten. So kamen wir ins Gespräch. Ob er vielleicht Morgen mitkommen würde zur gemeinsamen Fotosession? Ich spendierte ihm die Hose und wir verabredeten uns. Der Verkäufer war am nächsten Tag verhindert und nicht zu erreichen. Roan dagegen kam verspätet, aber war begeistert, und hatte große Lust auf ein paar professionelle Fotos für sein 50k Instagram Profil. Er würde mir dafür mehrere besondere Locations in Sao Paulo zeigen. Zum Beispiel das Restaurant auf dem Dach des höchsten Wolkenkratzers in der breitesten Einkaufsstraße. Beim Shooting erzählte er mir, dass er nächstes Jahr nach Europa reisen wollte. „Madrid vielleicht“, ich empfahl ihm Barcelona. Wir sprachen über seinen Job als Call-Agent bei einem Dating-Portal, die Flugpreise nach Europa, und wie lange er wohl darauf sparen müsste. „Nein“, in mein Hotel würde er mich nicht begleiten wollen. Als wir mit dem Taxi zurück fuhren, frage er mich kurz bevor ich ausstieg, „sind Tausend Euro viel Geld für Dich?“ – Nicht alle Brasilianer sind so bescheiden wie Christopher.

Natürlich hat mich die Atakama Wüste im Norden Chiles, die Ruinenstadt Machu Picchu zwischen den fast 3000 Meter hohen Berggipfeln und die lange Fahrt quer durch die schneeweiße Uyuni Salar, die größte Salzpfanne der Welt, begeistert. Aber am meisten habe ich mich auf das Wiedersehen mit Christopher gefreut. Auf dem Rückflug von Bolivien übernachtete ich nochmal in Rio. „Ich habe heute die ganze Nacht Zeit für Dich“, sagte er, als er mich am Strand der Copacabana empfing. Wir aßen im selben Restaurant die gleichen panierten Garnelen mit Mozzarella Sticks, tranken aus den gleichen Kokosnüssen und schliefen im selben Hotel. Morgens fuhren wir für eine Fotosession im Mietwagen zur Christus Statue, bevor mein Flieger nach Frankfurt ging. Ein Jahr später, Mitten in der Corona-Krise, frage mich Christopher zum ersten Mal nach finanzieller Unterstützung und schickte mir Weihnachten darauf einen Gruß in Englisch. Er meldete sich immer wieder. Erzählte von seiner zweiten Corona-Erkrankung. Schickte mir Bilder und erzählte, dass er nicht ganz freiwillig 20 Kilo abgenommen hätte. Aber es täte ihm gut. Ja, er war dabei Englisch zu lernen und hatte mich nicht vergessen. Auf dieser Südamerikareise war mir der Ausgleich zwischen faszinierenden Landschaften, für meine Erinnerung fotografisch professionell festgehalten, und persönlichen Begegnungen zum ersten Mal gelungen. Weder im Osten noch im Westen der Vereinigten Staaten, noch in Südafrika oder Australien war ich auf so offene Menschen gestoßen. Nur in St. Petersbug und in Tokyos Fashion-Stadtteil Shibuya, konnte ich ein paar Jungs für Gespräche gewinnen. Es könnte sein, dass man dort dem Alter mit anderem Respekt und größerem Interesse begegnet, als im westlichen Europa.

Diego

Vom heißen, brasilianischen Atlantik hatte mich meine Reise in Richtung Antarktis geführt. In Punto Arenas, der südlichsten Stadt in Chile war im August eisiger Winter. Ich besuchte meinen Freund Diego, den ich vor einem halben Jahr auf meiner Patagonien-Rundfahrt kennen gelernt hatte. Als ich ihn zum ersten Mal sah, kam mir Diego mit sechzehn viel zu jung vor, um ihn einfach auf der Straße anzusprechen. Auf dem Marktplatz in Coyhaique lieferten sich ein paar chilenische Jugendliche einen Rappcontest auf Spanisch. Er saß mit ein paar Freundinnen daneben. Weder verstand ich ein Wort, noch wollte ich sie stören. Nach einer Stunde Shopping kam ich zum Marktplatz zurück. Dort stand nur noch Diego mit zwei Freunden. „Könnt ihr Englisch“ war meine erste Frage. Während meines dreiwöchigen Trips über die chilenische Nationalstraße Routa 7, durch Argentinien und entlang der Routa 9 nach Feuerland, hin und zurück 5000 Kilometer in 21 Tagen, hatte ich viele Tramper mitgenommen und nette Gesprächspartner kennen gelernt. Englisch konnten nicht alle. Diego hatte früher eine internationale Schule besucht, und konnte seinen Freunden übersetzen. Als ich ihm von meinen Reisen im vergangenen Jahr nach Grönland, New York, Tokio, Hongkong, Australien und Südafrika erzählte, sagte er nur, „ich wäre so gern Dein Sohn, dann könntest du mich immer mitnehmen“. Damals wusste ich noch nicht, dass sich seine Eltern früh getrennt hatten, er seine Mutter über alles liebte, seine Zwillingsschwester mit dem Vater in den Norden gezogen war und es mit dem Stiefvater ständig Stress gab. Seine langen zur Seite gekämmten schwarzen Haare und die großen dunkelbraunen Augen gaben ihm ein feminines und junges Aussehen. Wir gingen zusammen Pizza essen und verabredeten uns für den nächsten Mittag um ein paar Portraits in den Bergen aufzunehmen. „Ob ich nach Amsterdam reisen würde, nur um ihn zu treffen“, fragte er mich. Nächsten Sommer würde er mit seiner Tante auf Kreuzfahrt gehen. Gerade waren Sie zwei Wochen in der Karibik gewesen.

Jetzt würde ich ihn für ein Wochenende besuchen, bevor ich weiter nach Peru und Bolivien flog. Während der August in Brasilien angenehme Temperaturen bereithält, waren die Straßen in Punto Arenas spiegelglatt. Die Spikes krallten sich in die Eiskruste. Schneebedeckte Wiesen und Eisschollen am Meeresstrand zeugten vom antarktischen Winter. Die Mittagssonne stand so tief, das Licht war so flach, wie ich es noch nie gesehen hatte. Diego war vor zwei Monaten im Streit von Zuhause abgehauen, wohnte ein paar Wochen bei Freunden und zog dann zu seiner Tante nach Punta Arenas. In ihrem Haus hatte er mit seiner Mutter gelebt, bevor sie erneut heiratete und seine kleine Schwester geboren wurde. Ich musste meine Flüge umbuchen und schrieb ihm das. „Erst da wurde mir klar, dass Du wirklich kommst“, verriet er mir später. Wir trafen uns in meinem Hotel. Er fiel mir zärtlich in die Arme. „Dass wir uns wieder sehen, ist wirklich ein Wunder“. Er trug den pinken Hoodie einer japanischen Marke, die er so liebte, und den ich ihm im Päckchen aus Deutschland gesendet hatte. Denn bei uns gibt es die Teile als Chinaimporte im Versandhandel für laut, während sie in Südamerika das Zehnfache kosten. Auch wenn Diegos Haare in diesem halben Jahr länger geworden waren, seine Backen schmäler und seine Gestalt femininer, verwahrte er sich heftig dagegen auf Instagram im Hashtag als Gaymodel bezeichnet zu werden. Ich hatte die Haschtags bedenkenlos von einem anderen Bild kopiert. Doch stehen seine weichen Gesichtszüge ein wenig im Gegensatz zu seinen Ambitionen mit hartem Rap erfolgreich zu werden.

Er war einfach nur herzlich, gefühlvoll, ehrlich, bescheiden und begeistert von dem fremden Mann aus Europa, der wegen ihm wirklich fast bis an das andere Ende der Welt gereist war. Er entführte mich in seine Lieblingspizzeria. Margherita mit Salami war zum Symbol unserer Freundschaft geworden. Im darauf folgenden Winter hatte seine Tante einen Sprachkurs in England für ihn geplant. Ob wir uns dann wieder sehen würden? Am nächsten Tag überraschte ich ihn mit einem älteren Smartphone, auch das ist in Chile unerschwinglich, und genoss seine Begeisterung, die nur uns beiden gehörte. „Ich habe mir das ganze Wochenende für Dich Zeit genommen“, sagte er. Für ein paar Fotoportraits fuhren wir ein paar Kilometer weiter Richtung Feuerland, bis sich die Routa 9 zwischen den felsigen Inseln am Kap Horn im Meer verliert. Das schönste Foto, dass ihn in jenem pinken Hoodie mit der untergehenden Sonne vor tiefrotem Himmel zwischen heftigen Gewitterwolken zeigt, schickte er gleich seiner Mutter. Auch dieser Tag endete bei einer Pizza Salami und intensiven Gesprächen über seine Traumkarriere als Rapper, seine Schule, seine Ausbildung und die Idee, uns ein halbes Jahr später in London zu treffen.

Drei Monate war er bei einer Gastfamilie in Brighton. Ende Januar flog ich zwei Wochen nach Indien. Anfang März wollte ich auf die Lofoten. Dazwischen trafen wir uns in England. Zufällig trat ein von ihm heiß geliebter amerikanischer Rap-Star in dieser Zeit in London auf. Die Eintrittskarten dafür hatte ich schon im Herbst besorgt. Ein weiterer Grund für Diego, sich der englischen Sprache mit ein wenig mehr Motivation zu nähern. Ich holte ihn mit dem Mietwagen bei seiner Gastfamilie ab. Er war noch nie bei einem Rap-Konzert, noch nie in einer Konzerthalle, geschweige denn im angesagtesten Londoner Musik-Club. Seine Rap-Stars machten wie alle internationalen Pop-Größen einen großen Bogen um Chile. Und selbst wenn sie in der Hauptstadt Santiago gastierten, war das immer noch 5000 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Am nächsten Tag zeigte ich Diego ein wenig von London, wo ich dreißig Jahre vorher viel zu tun hatte. Als Musikjournalist hatten mich Plattenfirmen immer wieder für Interview und Konzerte nach London eingeladen. Mit Jimi Somerville war ich damals im angesagtesten Gay-Club. Beim Konzert von George Michael, den Elton John für einen Titel auf der Bühne besucht hatte und von dem der Single-Hit Live-Mittschnitt „Don’t Let The Sun Go Down On Me“ mit Elton John am Klavier zeugt, war ich in der Wembley Arena. David Bowie hatte ich in den Docklands erlebt. Mit Manfred Man war ich eine Stunde im Taxi durch London gefahren, die einzige Gelegenheit ihn auf der Fahrt vom Hotel ins Aufnahmestudio zu interviewen. Chris Rea hatte mich in einem Fernsehstudiostudio empfangen, während er auf die nächste Probe warten musste. Backstage-Partys mit New Order in der Brixton Academy oder Benefizfestivals mit Kate Bush und David Gilmour für den Princes Trust blieben mir ewig in Erinnerung.

Diego schlenderte mit mir die Oxford Street entlang. Wir wühlten uns durch die Kaufhäuser am Piccadilly Circus. Trafalgar Square, Westminster, Hyde Park, Camden Town, Chelsea und Kensington, das war für einen Tag fast zu viel. Die Flagshipstores von Burberry und Polo Ralph Lauren in der Regent Street hatten es ihm besonders angetan. Exklusive Luxusmarken waren bei seinen Freunden am Ende der Welt besonders begehrt. Der karierte Burberry Schal vom Flohmarkt am Camden Lock ziert bis heute Diegos Instagram Profilbild. Gegensätzlicher könnten die Kulturunterschiede nicht sein, als zwischen der Londoner City und der Kleinstadt am Kap Horn, kaum 1000 Kilometer vor der antarktischen Eiswüste. Mir hatte London vor der Jahrtausendwende besser gefallen, als historische Gebäude dort die Straßen säumten, wo sich heute Wolkenkratzer in den Himmel strecken. Diego tauchte ganz tief in die Historie von Buckingham Palast, Westminster und Tower ein. So altehrwürdige Gebäude kannte er vom amerikanischen Kontinent nicht. 

Shankar

Indien gehört sicher zu den Ländern mit der ältesten Hochkultur, die ich je bereist habe. Die Menschen sind ihren historischen Traditionen sehr tief verpflichtet. Das rote Fort und die Jama Masjid Moschee in Neu Delhi, der Taj Mahal in Agra und die Königspaläste in Jaipur bilden das goldene Dreieck. Mumbai dagegen ist eine vom Gegensatz zwischen Reichtum und Armut geprägte Riesenmetropole. Ärmste Slums zwischen glitzerndsten Shopping-Malls prägen das Stadtbild. Die Sonne versteckt sich tagsüber meisten im Dunst der Millionenstadt und schaut erst als roter Ball in den Abendstunden vorbei. Dann sammeln sich die jungen Leute an den Stränden der Back Bay mit Blick auf das arabische Meer. In Tokyos Stadtteil Shibuya habe ich mich jeden Nachmittag am Rand der berühmten Riesenkreuzung postiert, über die bei jeder Grünphase mehr als 10.000 Fußgänger strömen, um Jungs anzusprechen, die sich fast alle herzlich und sehr gern als unglaublich kreativ verkleidete Modeträger fotografieren lassen wollten. Dort läuft fast jeder auf der Straße so herum, als würde er über einen Laufsteg spazieren. Aus der Frage nach einem Foto entwickelten sich nette Gespräche, wenn die jungen Japaner englisch konnten. Viele folgen mir bis heute in Instagram, mit manchen schreibe ich gelegentlich. Auch in Mumbai sprach ich junge Leute an, die in Grüppchen über die Strandpromenade schlenderten oder am Strand saßen. Selfies mit einem Touristen waren sehr gefragt. Instagram Profile wurden getauscht, auch mit Shankar, der an einer Design-Schule studierte, und seinen Freunden.

Abends bekam ich eine Nachricht von Shankar im Instagram Chat. Ob wir uns nochmal treffen könnten. Mein Flieger ging am nächsten Abend. Nach dem Frühstück wollte ich auschecken. Er wollte mich gegen Mittag an der Strandpromenade treffen, wo ich ihn mit seinen Freunden fotografiert hatte. „Aber bitte komm alleine“ schrieb er. Wen sollte ich mitbringen? „Komm alleine und sag meinen Freunden nichts“. In mein Hotel wollte er nicht kommen. Bis ich am nächsten Tag alles gepackt und mich durch den Verkehr gewühlt hatte, wartete Shankar lange am Straßenrand. „Der sitzt da schon über eine Stunde“, meinte ein Parkplatzwächter, vor dessen Einfahrt ich Shankar in mein Auto einsteigen ließ. Auf meine Frage, warum er mich alleine treffen wollte, bekam ich keine Antwort. „Fahre erst mal aus der Stadt raus“. Das war nicht so ganz einfach. Leere Straßen gibt es in der Millionenstadt Mumbai nicht. Ich frage ihn noch ein paar Mal, warum er mich treffen wollte. Schließlich drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange als wir an einer Ampel warten mussten. Er strahlte mich an. Seine schmalen Wangen glühten. Mit seinen zarten Fingern fuhr er mir sanft über die Oberschenkel. Seine schwarzen Haare hingen ihm tief in sein schmales, kantiges Gesicht, in dem seine dunklen, tiefen Augen besonders groß zur Geltung kamen. Beim nächsten Stopp küsste ich ihn auf den Mund und lege meine Hand um seine Hals. Erst als ich seinen Mund zärtlich mit meinen Lippen umschloss lächelte Kirshan zaghaft. Ich parkte am Straßenrand. Vorsichtig tastete sich seine Zunge in meinen Mund und umkreiste meine Lippen. Sein Lächeln war zu einem breiten Grinsen geworden. Sein nächster Kuss war stürmischer. Es wollte nicht reden, sondern meine Fingerkuppen in seinem Gesicht, an seinen Armen und auf seiner Brust spüren. Während seine Lippen wieder an meinen klebten versuchte er vorsichtig unter mein T-Shirt zu greifen bis er plötzlich zusammenzuckte und von mir abrückte. Die interessiert zu uns herüber schauenden Blicke aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug hatten ihn erschrocken. Auch wenn homosexuelle Handlungen in Indien nicht mehr unter Strafe standen sind sie gesellschaftlich stark tabuisiert. Mit einem älteren Mann gesehen zu werden war Kirshan besonders peinlich, auch wenn ihn ganz sicher niemand der Vorbeifahrenden erkannt haben konnte.

In einem Industriegebiet fanden wir einen abgelegenen Weg zur verschossenen Einfahrt eines Fabrikgeländes. Shankar zog sein T-Shirt aus und fing an mich am ganzen Körper zu küssen. Sprechen konnte er nicht über das, was er vorhatte. Als wir uns die Jeans ausziehen wollten, öffnete sich das Tor vor uns. Ein Arbeiter lief an unserem Wagen vorbei. Wir fuhren zurück auf die Straße um einen geschützteren Platz zu finden. „Wir gehen vielleicht doch besser in ein Hotel“, schlug ich ihm vor. „Ja das wäre toll“. In meiner App fand ich vakante Zimmer. Beim ersten Versuch wollten wir zusammen einchecken. Das scheiterte an Shankars Studentenausweis. Dann fanden wir ein anderes Hotel in der Nähe des Flughafens. Per App buchte ich ein Zimmer vorab, um meinen Mietwagen schon bei der Anfahrt in der Hotelgarage unterstellen zu können. Ich checkte alleine ein, und Shankar half mir nur meine Tasche ins Zimmer zu tragen. Endlich waren wir alleine. Er küsste mich erregt am ganzen Körper. Drückte sich in meine Umarmung. Nach wie vor ein wenig sprachlos gelang es uns nicht so richtig, gegenseitige Wünsche zu formulieren. Ob er sich schon öfter mit Männern für Sex getroffen hatte? Ob er Sex mit gleichaltrigen Jungs gehabt hatte? Ob er Geld für Sex nehmen würde? Auf meine Fragen bekam ich keine Antworten. Er war still und verwendete seine Zunge ausschließlich für Liebkosungen, um meinen Körper zu erkunden und mich zu küssen. Nein, mit dem Wort „Milk“ für eine gemeinsame Ejakulation konnte er nichts anfangen. Welche Bedürfnisse er hatte, wollte er nicht aussprechen. Ich befriedigte mich selbst, spritze mir in die Haare und hatte ein schlechtes Gefühl, weil Kirsha nicht zum Höhepunkt kommen wollte. Trotzdem strahlte sein Gesicht größte Freude und Zufriedenheit aus, als ich gekommen war. Zum Abschluss meiner Reise durch Indien einem Jungen zu begegnen, der mich attraktiv findet, hat mich sehr überrascht. Auf den indonesischen Inseln Lombok, Bali und Java war ich vor einem Monat kaum mit jungen Menschen ins Gespräch gekommen. Über Whatsapp und Instagram blieben wir in Kontakt. Kirshan schickte mir Fotos von ihm, die ich am Computer freistellen und in einen anderen Hintergrund montieren sollte.

Ein Jahr später fragte er mich, ob ich sein Grafikdesignstudium finanzieren könnte. Zehntausend Euro hätte er gerne. Eine Vorstellung davon wieviel Geld das ist, hatte er wohl kaum. Tausend oder Hundert Euro würden ihm auch helfen, schieb er. Als er mir jeden Tag mehrere Nachrichten mit der Bitte nach Geld schrieb, antwortete ich nicht mehr. Dann erreichten mich herzzerreißende Hilfeschreie per Whatsapp. Er würde mir das Geld zurückgeben, wenn ich ihn wieder in Indien besuchen komme. Ob ich ihm helfen könnte nach Deutschland zu kommen. Er würde es nicht mehr aushalten in Mumbai. „Bitte hole mich nach Deutschland“ flehte er mich an. Seine neuen Fotos in Instagram ließen jedoch wirklich nicht erkennen, dass es ihm so schlecht gehen würde wie den meisten Indern während der Corona-Pandemie. Später kommentierte er seine Fotos sogar mit dem Regenbogensymbol und bedanke sich für jeden Like mit lieben Grüßen.

Wisdome

Ein Besuch bei Verwandten in Ghana hatte meine Reiselust vor fünf Jahren geweckt. Mein Bruder lebte dort schon seit Jahrzehnten und hatte inzwischen eine eigene Familie. Seinen Stiefsohn begleitete ich auf Rap-Wettbewerbe und HipHop-Festivals im Nationaltheater der Hauptstadt Accra. Dass sich Männer berühren, anfassen, umarmen gehört dort zum Alltag. Die afrikanische Tradition ist viel körperbetonter als wir es in Westeuropa kennen. Auch die coolen Jungs in amerikanischen Sportklamotten gehen Händchen haltend über die Straße, ohne sich etwas dabei zu denken. Sich oft und gern zu umarmen gehört zur afrikanischen Kultur. Dass ein Fotograf sie kostenlos ablichtet und ihnen die Fotos gleich aufs Handy schickt, waren die Jungs nicht gewohnt. Sie konnten ausgedruckte Bilder bei Partyfotografen kaufen, die einen kleinen Fotoprinter mit sich herum trugen. So war die Begeisterung über meine Kamera und die kostenlosen Profibilder groß. Immer mehr Jungs drängten sich in kleinen Gruppen vor meine Kamera. Im Glauben daran, dass alle weißen Europäer unermesslich reich wären, blieb auch die Frage nicht aus, ob ich den einen oder anderen Jungen mit nach Europa nehmen könnte. Während Homosexualität in Ghana unter Strafe steht, nutzen die Jungs bekannte schwule Apps umso mehr, um den Kontakt zu Touristen zu suchen. Kinder versuchen sich zu prostituieren und erklären ihr jugendliches Aussehen mit dem Hinweis auf Unterernährung und Wachstumsstörungen. Ein Schulfreund von meinem Neffen wollte sich unbedingt mit mir zusammen fotografieren lassen und lud die Selfies sofort als Anzeigebilder in seine Netzwerkprofile. Er besuchte uns noch ein paar Mal und blieb mit mir in Kontakt. Beim meinem nächsten Besuch wollte mich Wisdome unbedingt wieder treffen.

Ein paar Jahre später lud er mich in seine eigene Hütte ein, als ich meinen Bruder wieder besuchte. Er hatte von seinen Eltern ein kleines Grundstück ohne Strom und Wasser in einem Vorort der Hauptstadt bekommen und darauf einen zweistöckigen Bretterverschlag errichtet. Unten war sein Werkzeug untergebracht. Er arbeitete als selbständiger Möbelbauer und Elektriker mit nicht viel mehr als einer Handsäge und einem Schraubenzieher. Oben stand ein Stuhl. Ausstrecken konnte er sich in der Holzhütte kaum, die ihm zugleich als Küche und Schlafplatz diente. Eng gedrängt fuhren wir Stunden lang über holprige Standpisten in einem Minibus. Er wollte mir sein Zuhause unbedingt zeigen. Aus Kartoffeln und Tomaten kochte er uns ein Abendessen. Sesselpolster dienten ihm als Schlafplatz. Dort sollte ich mich auf den Boden seiner Hütte legen, die keine Fenster sondern eine offene Brüstung hatte, damit uns niemand zusehen konnte. Er kuschelte sich an mich und wollte mich unbedingt befriedigen. Fasziniert sah er zu als ich kam. Fast so, als ob er die eigene Selbstbefriedigung gar nicht kennen würde. Sich am Tag in einem Touristenhotel zu treffen, hatte er abgelehnt. Ich half ihm dabei ein Bankkonto für sein Geschäft zu eröffnen und spendierte ihm ein kleines Startkapital, ohne dass er das Konto nicht bekommen hätte.

Kindheit und Jugend

Zum Ende des dritten Grundschuljahres im Sommer 1968 war es mir endlich gelungen am Kreis der coolen Jungs aus unserer Klasse teilhaben zu dürfen – auch wenn das Wort cool damals sicher noch nicht zum Sprachgebraucht der Kinder gehörte. Als Acht- und Neujährige sprangen wir nackt im Garten des evangelischen Studentenwohnheims herum, um uns am kühlen Nass des aufblasbaren Planschbecken zu erfreuen. Der Vater eines Nackedeis war Studentenpfarrer und lebte mit seinen Kindern mitten zwischen den Studentenzimmern der 1968er Generation in einer alten Villa mit vielen Stockwerken, langen Fluren und revolutionären Demonstranten. Aber das gefiel meinen Eltern gar nicht. Herr Ingenieur und seine Freu hielten ihre Kinder von solchem Gedankengut, solcher Musik und solchen Orgien lieber fern. Freikörperkultur in diesem Alter schien ihnen unangemessen. Auch wenn Eltern und Kinder im Haus des eng befreundeten Hausarztes nackt über Flure und Treppen liefen, war das für meine Eltern kein Vorbild. Dass der gleichaltrige Nachbarsjunge im Stockwerk über uns, bei dem ich gelegentlich übernachtete, eines Abends nicht ohne mich in die Badewanne steigen wollte und mich seine Mutter deshalb schon früher als vereinbart zu sich herauf bat, befremdete meine Eltern auch ein wenig. In mir wuchs mit der Pubertät ganz langsam ein Gefühl der Scham, das mich daran hinderte, mich vor Gleichaltrigen auszuziehen. Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn mir ein Junge in meiner Jugend dabei geholfen hätte, diese Scham zu überwinden? Dank Medieneinfluss und der sexuellen Revolution begeben sich Kinder heute früher mit ihren Fingern im gleichaltrigen Freundeskreis auf sexuelle Erkundungsreisen. Spätere Freunde packte die Neugier schon mit ihren ersten Erektionen. Ich erinnere mich noch heute, wie ich beim letzten Cowboy- und Indianerspielen mit den ehemaligen Klassenkameraden in Tränen ausbrach. Doch weder erkannten sie noch ich damals, den Grund meiner Traurigkeit. Aber mir blieb diese Episode so stark in Erinnerung, weil sie so typisch wurde für alle weiteren Auseinandersetzungen mit meinen Eltern, die sich für meine Gefühle niemals interessieren haben, ja, es noch nicht einmal versuchen wollten. Ich musste, ich wollte meinen eigenen Weg gehen.

In den Grundschulen Ende der 60er Jahre gehörten knapp 50 Schüler in einer Klasse zur Normalität. Unsere Lehrerin konnte sich kaum einzelnen Schülern widmen. Weil ich seit meiner Kindheit etwas stotterte, glaubten meine Eltern, mich für die vierte Klasse in eine Förderschule mit Hör- und Sprachbehinderten überweisen zu müssen. Bei  einem Waldspaziergang wurde mir diese Entscheidung verkündet. Mein Vater war überzeugt, dass mir ein Spielzeugpolizeiauto mit einem sich auf dem Dach drehenden Blaulicht aus Plastik, meine gerade gewonnenen Freunde ersetzen würde. Seit diesem Waldspaziergang im Alter von sieben Jahren habe ich keine Erinnerung mehr an meinen Vater. Sie ist restlos ausgelöscht. Obwohl ich bis Mitte zwanzig bei meinen Eltern gewohnt habe und mich mein Vater auch vierzig Jahre später in der Untersuchungshaft besucht hatte. Er hätte die Haftstrafe verhindern können. Auch das ist ein Grund für mich, sein Grab nie zu besuchen. Für mich, mein Leben, meine Freunde haben sich meine Eltern nach meinem Auszug nie mehr interessiert. Ihre Kommentare zu meiner ersten nächtlichen Ejakulation waren so abstoßend, dass ich erst mit Mitte Zwanzig körperlich verstand, dass man sich auch alleine zum Höhepunkt bringen, selbst onanieren kann, als es mir ein etwas jüngerer Freund zeigte. Meine unfreiwilligen feuchten Träume konnte ich nicht einordnen. Homosexualität gab es für mich nicht. Weder im Kreise der Freunde meiner Eltern, der Nachbarn, der Schulfreunde oder ihrer älteren Brüder fand Homosexualität statt.

An der Sprachbehindertenförderschule fühlte ich mich so degradiert, dass ich mein Leben lang bis heute keinem der früheren Schulfreunde mehr unter die Augen treten konnte, obwohl sie später am Gymnasium nur eine Klasse über mir waren. Über die fünfte Klasse der Hauptschule bin ich mit anderen Gleichaltrigen aus unserem Wohnblock ans Gymnasium und zum Abitur gekommen. Die Freundschaften mit meinen Klassenkameraden blieben undefiniert. Ich versuchte mich in Mädchen zu verlieben. Es gelang mir Sehnsucht nach ihnen zu entwickeln, die leider kaum auf Gegenliebe stieß. Meine Wünsche den Realitäten anzupassen, war ich nicht bereit. Dazu war ich zu sehr von mir überzeugt. Ich blieb lieber bei meinen Träumen, als ein Gespür dafür zu entwickeln, wer vielleicht in mich verliebt sein könnte. Das erzählten mir Mädchen erst viele Jahre später.

Nach einem Umzug innerhalb der Stadt, meine Eltern hatten ein Haus für die Familie gebaut, taten sich neue Perspektiven auf. In politischem und kirchlichem Engagement suchte ich mir nach der Konfirmation Funktionen, die sprachliche Kommunikation von mir forderten. Eingerahmt von schulterlangen Haaren lebte ich meine Individualität mit selbst geflickten Jeans aus, auf denen über hundert Flicken in unterschiedlichen Blautönen prangten. Mit hellbraunen Cowboystiefeln samt hoher Absätzen und einem roten Palästinensertuch um den grünen Parka habe ich versucht mich von den mit Rollkragen und Cordhosen behängten Gleichaltrigen abzugrenzen. Mit Gegensätzen konnte ich auffallen. Obwohl ich wie ein Hippie aussah und Rockmusik hörte, habe ich am Klavier Bach und Beethoven geübt und Cello im Streichorchester gespielt. Meine Schulterlangen Haare provozierten unseren Lateinlehrer in jeder Stunde dazu einen Witz über mich abzulassen. Aber mit schlechten Noten konnte er mich nicht ärgern, weil meine Schulleistungen zu gut waren. Als späterer Schülersprecher, Stadtschülersprecher und Landesschülersprecher habe ich mein Stottern durch Übung und Selbstbewusstsein überwinden können. Die daraus resultierende verbale Rücksichtslosigkeit und Durchsetzungsfähigkeit gerieten mir dennoch bei Wahlen nicht immer zum Vorteil. „Da wo der hinpinkelt, wächst kein Gras mehr“, war eine geflügelte Phrase meiner politischen Gegner. Schon in der fünften Klasse am Gymnasium hatte ich dem Direktor frech ins Gesicht geschrien. Dem folgte eine Schulverweis, dem ich nach bestandenem Abitur beim Staatsakt zum dreihundertjährigen Jubiläum der Lehranstalt in meiner Rede sehr kritische Worte entgegen setzte, die am nächsten Tag ausführlich in der Tageszeitung zu lesen waren.

Mein Einfühlungsvermögen gab mir Selbstbewusstsein, stieß bei manchen Schulfreunden aber auch auf Ablehnung, die es nicht gewohnt waren, über Sorgen und Gefühle zu reden. Während der Sprachferien mit zwei Schulfreunden in London lernte ich Martin kennen. Eigentlich strickt auf Frauen programmiert viel er mir eines Abends weinend in die Arme. Er hatte Angst davor, so ein Schürzenjäger zu werden, wie sein Vater, der ihn und seine jüngere Schwester bei der Mutter zurück gelassen hatte, um sich seinem Hotel auf Sylt zu widmen. Im Kreis von Erwachsenen, von Studenten, fühlte ich mich als Jüngster besonders wohl und genoss deren Aufmerksamkeit. Wenn mich ein etwas älteres Mitglieder des Kreisvorstandes der Jungdemokraten, die damals die Jugendorganisation der Freien Demokraten bildeten, nach den Vorstandssitzungen im Auto nach Hause kutschierten, fühlte ich mich sehr geehrt. Persönliche Aufmerksamkeit von Bürgermeistern, Stadtverordneten, Lehrern, Sozialarbeitern, Betreuern – sofern sie männlichen Geschlechts waren, löste immer ein angenehmes Kribbeln aus. Aber das dieses Gefühl irgendetwas mit dem Interesse an einer engeren Beziehung, gar mit Zuneigung zu tun haben könnte, war mir völlig fremd. Gesehnt habe ich mich nach dem einen oder anderen Mädchen, aus der Schule, aus der Gemeinde, aus dem Bus, die jedoch nie für mich erreichbar waren.

Unsere Nachbarin gehörte fast zu Familie. Die Grundschullehrerin sah all abendlich nach uns, wenn meine Eltern Orchesterproben und Konzerte besuchten. Einer ihrer besten Freunde, Kollege und Lehrer an der Grund- und Hauptschule, die ich in der fünften Klasse besuchte, wurde Jahrzehnte später wegen sexueller Übergriffe auf seine Schüler verurteilt und verstarb im Gefängnis. Er betreute meine Parallelklasse, ich kannte ihn persönlich sehr gut. Trotzdem ist mir nie aufgefallen oder zu Ohren gekommen, dass es überhaupt Sexualität zwischen Jungen, zwischen Männern gibt. Es hätte mein Leben verändert. Dass ein Sportlehrer meines Gymnasiums seine Sportjungen regelmäßig zu Partys nach Hause einlud, und gewisses Interesse an ihnen zeigte, blieb mir ebenso verborgen. bis ich auf einem Klassentreffen zum 25. Jubiläum unseres Abiturs davon hörte. Ich war vollkommen unsportlich. Gleichaltrige Kinder der engsten Freunde meiner Eltern besuchten die Odenwaldschule in den 60er Jahren. Dort gab es vielfachen sexuellen Missbrauch durch Schulleiter und Lehrern, von dem nie etwas an mein Ohr drang. Homosexualität war für mich nicht existent. Auf diesem Auge war ich blind, auch wenn die Sexualaufklärungsliteratur dieser Zeit und diverse Broschüren der Jungdemokraten, in den ich mich seit dem 14. Lebensjahr engagiert hatte, viel Theoretisches über Sexualkunde und die gleichgeschlechtliche Liebe verkündeten, aber nur in der Theorie, nie in der Praxis.

Theoretisch waren mir alle Formen der Sexualität bestens bekannt. Ich hatte an Aufklärungsheften mitgewirkt, ohne eine Verbindung zu mir herstellen zu können. Progressive Aufklärungsbücher mit vielen nackten Abbildungen gehörten zur Standartausrüstung vieler Jugendseminare und Gruppenreisen, die ich organisiert und geleitet habe. Doch seit meine Hoden nach engumschlungenen Gefühlserlebnissen mit meiner ersten Freundin am Rad einer Schulparty auf dem Nachhauseweg heftig schmerzten, hielt ich mich mit eigenem sexuellem Engagement zurück. Leider war in der Aufklärungsliteratur nicht zu lesen, dass Onanieren in einem solchen Falle wirklich geholfen hätte. Zehn Jahre hatte das Wort Selbstbefriedigung für mich nur eine theoretische Bedeutung. Und das Wort schwul sah ich eher im Zusammenhang mit Männern in Frauenkleidern. Da gab es tatsächliche eine schwule Kneipe auf dem Schulweg, aber die rechneten wir wegen ihres französischen Namens eher dem Rotlichtmilieu zu.

Als meine Blicke auf etwas jüngere Freunde fielen, jüngere Schüler, Freunde meine jüngeren Schwester, Brüder von Freundinnen, den nächsten Konfirmandenjahrgang in unserer Gemeinde, die mit gewissem natürlichen Respekt zu mit aufsahen, kam meine Sensibilität und Begabung im Umgang mit Jugendlichen mehr zum Vorschein. Die Jungs liebten mich. Ich setzte mich besonders für diejenigen ein, die auch mit ihren Eltern so manchen Kampf auszutragen hatten. Da wollte ein Vater seinen Sohn nicht mit der Kirchengruppe wegfahren lassen. So bot ich ihm an, die geringe Kostenbeteiligung für den Wochenendausflug selbst zu übernehmen. Das überzeugte seine Eltern schließlich. Doch der Gemeindepädagogin gefiel es gar nicht, dass die Jungs viel mehr auf mich, als auf sie hörten. Mit ihrem pädagogischen Anspruch gelang es ihr mich nach über fünf Jahren aus der Gemeinde zu drängen. Meiner Fähigkeiten bewusst, suchte ich mir einen anderen Freundeskreis und fand junge Leute, denen ich mehr Gefühl geben konnte, als in der Kirchengemeinde.

Meine Fotoportraits von damals gleichen vielen, die Jahrzehnte später entstanden sind. Den Jungs einen zugleich ernsten aber doch gefühlvollen Blick zu entlocken, war schon damals etwas Besonderes. Sexuelle Bedürfnisse kamen mir dabei nie in den Sinn. Die Suche nach Beziehungen war auf Frauen gepolt. Und ich hatte immer wieder die eine oder andere, zu der ich mich hingerissen fühlte, aber ein Auge für mich hatten sie kaum. Zu spüren, welche Frau an mir interessiert sein könnte, dass konnte ich nie. Wie viele Mädels haben mir irgendwann mal erzählt, sie wären so unsterblich in mich verliebt gewesen, in den langhaarigen Hippie mit selbst geflickten Jeans. Für ein katholisches Zeltlager hatte sich eine Betreuerin aus einer anderen Gemeinde angemeldet, wegen mir. Und ich hatte mich als Betreuer gemeldet, wegen einer anderen Frau aus unserer Gemeinde, die mit ihrem Freund zum Leitungsteam gehörte. Das war mir alles zu kompliziert. Ich ersetzte lieber den Papa für ein paar vaterlose Jungs unter den Teilnehmern und unterhielt mich mit ihnen am Lagerfeuer oder in den Jungenzelten über ihre Nöte und Sorgen.

Die Frage, ob ich schwul bin, habe ich mir nie gestellt, da es in meiner Jugend angewandte Sexualität nicht gab. Natürlich weiß ich heute, dass genau diese nicht gestellte Frage, mich daran gehindert hat, Sexualität auszuleben. Nach meinem ersten Orgasmus mit Mitte zwanzig, gab es keine Eltern, Geschwister oder Freunde, gegenüber denen ich mich hätte outen können, outen müssen. Ich hatte bereits meine eigene Wohnung, studierte an einem anderen Ort und wollte mir mein Leben lang die Freiheit bewahren, jederzeit entscheiden zu können, welchen Mensch ich als sexuell anziehend empfinde, Frau oder Mann. Schließlich wurden es nur sehr wenige Frauen, aber viele Männer. Es hat mich nicht gestört, dass junge Freunde sich in Beziehungen mit ihren Freundinnen wohl fühlten. Ganz im Gegenteil. Die Freundschaft mit mir, einem etwas älteren Freund, war etwas außergewöhnliches, einmaliges, besonders. Auf Sex konnte ich gern verzichten, ich kannte das Gefühl einen Menschen sexuell zu begehren noch nicht. Aber ich habe es besonders genossen, von Männern anerkannt zu werden. Wenn sich ein Lehrer, ein Freund meiner Eltern, ein Sozialarbeiter im Jugendhaus, ein Student aus meiner politischen Jugendgruppe mir besonders annahmen, mich lobte, mir anerkennend auf die Schultern klopfte, empfang ich ein besonders wohltuendes Gefühl, es kribbelte. Und dieses warme Gefühl gab ich an meine Freunde weiter, die ein paar Jahre jünger waren.

Bis zu meinem 25. Lebensjahr kannte ich kein eigenes sexuelles Verlangen. Sexuelles hatte in meinen Freundschaften und Beziehungen keine Relevanz. Für Jahre hatte sich der Gedanke in mir festgesetzt, dass sexuelles Begehren und sexuelle Handlungen meinen Beziehungen schaden würden. Selbst wenn sich mir Freunde mit sexuellen Wünschen näherten und wir eine ganze Nacht zusammen im Bett liegend über Sex sprachen. Den Mut, jemand anzufassen konnte ich erst entwickeln, nachdem mich jemand angefasst hatte. Orgasmus macht Spaß, aber bringt mich im Leben nicht viel weiter. Ob ich alleine onaniere, oder einen Partner dabei spürte, der Unterschied schien mir nicht wirklich groß. Schwanzgesteuerte Menschen, schwanzgesteuerte Beziehungen kannte ich nur als negative Beispiele. Ich fürchtete, das gegenseitige Vertrauen würde leiden, wenn körperliche Bedürfnisse konkret formuliert würden. Viele jüngere Freunde wendeten sich mir zu, wenn sie den Annäherungsversuchen schwuler Freunde ausweichen wollten. Bis befreundete Jungs mit ihren sexuellen Wünschen auf mich zukamen, sollten Jahrzehnte vergehen, wahrscheinlich spürte ich sie vorher einfach nicht.

Uwe

Als Stadtschülersprecher in meinem Abiturjahr lernte ich Uwe auf einem Bildungsseminar kennen, dass er als Vertreter seines Gymnasiums besuchte. Wir fanden schnell einen Gesprächskontakt der über Schulthemen hinausging. Natürlich blicke er als Vertreter der Mittelstufe zu mir, dem Abiturient und Stadtschülersprecher auf, genoss die Aufmerksamkeit eines Älteren, auch wenn uns nur wenige Jahre trennten. In seinen Augen lag ein besonderes Vertrauen, das er mir entgegen brachte, weil ich ihn ernster nahm, als er es von Erwachsenen gewohnt war. Sein dunkles Pony hing ihm knapp über den Augen. Seine langen Haare bedeckten die Schultern. Mit seinen schmalen Lippen, jugendlich weichen Wangen und mehr zwinkernd als strahlenden Augen sah er mich meistens skeptisch an. Auf viele seiner konkreten Probleme konnte ich ihm praktische Lösungen anbieten. Wie zum Beispiel nach abendlichen Besuchen bei seiner Freundin rechtzeitig in meinem Auto nach Hause gebracht zu werden. Gemeinsame Ausflüge an die Startbahn West des Frankfurter Flughafens zum Besuch des dort errichteten Hüttendorfes im Wald, mit dem Gegner den Bau der Startbahn verhindern wollten. Fotos von ihm, mit denen er seine Freundin erfreuen konnte. Wir ergänzten uns. Ich fühlte mich gebraucht, und er konnte bei mir den Konflikten Zuhause aus dem Weg gehen. Eine ausgewaschene, abgetragene Jeansjacke, die ich vor Jahren einmal mit dem aus Linoleum geschnitzten Namen einer Rockband bedruckt hatte, machte ihn glücklich.

Er wohnte bei seinem 20 Jahre älteren Bruder, einem Berufsschullehrer, in einem von der Küche mit Pappe abgetrennten Kabuff. Ein Bett, ein paar Klamotten und Schreibzeug. Sonst gab es in seinem Verschlag nicht viel anderes. Als typischer Nachzügler waren seine Eltern schon bei der Geburt recht alt und früh gestorben. Er hatte kaum Erinnerungen an Sie. Aber sein Leben war nicht Thema in den gleichaltrigen Beziehungen. Seit Jahren hatte er seine Verwandten im Saarland nicht mehr gesehen. Während sein verheirateter Bruder in Uwes Erziehung in Kinderjahren Verantwortung und Aufgabe sah, wuchsen mit seinem Alter die typischen pubertären Konflikte. Gespräche gab es Zuhause nicht. Für Besuche der Freundinnen war die kleine Zweizimmerwohnung Mitten in der Innenstadt zu klein. Uwes Leben fand vorwiegend bei den Eltern seiner Partnerinnen statt, wenn er denn gerade ein Mädchen hatte. Meine weinrote Citroen Campingkastenente bot die passende Atmosphäre für vertrauliche Unterhaltungen. Wenn ich Uwe auf dem Rückweg von meiner Arbeit abholte, oder ihn auf dem Weg in die Stadt nach Hause fuhr, sprachen wir über die Themen, die er niemand anderem anvertrauen konnte.

Lange hatte er seine Brüder und Schwestern, Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen nicht mehr besucht, weil die Geschwister nach dem Tod der Eltern im Streit auseinander gegangen waren. So machten wir uns an einem Wochenende gemeinsam auf den Weg nach Baumholder. Trotz hinten aufgesetztem Kastenaufbau saß man in meinem Deux Chevaux wie unter einem tiefen Himmelszelt. Aus den Boxen tönten Dire Straits und Ton Steine Scherben. „Where Do You Think You’re Going“ und „Der Traum ist aus“ gehören bis heute zu meinen Lieblingsliedern, die auf keinem Mixtape fehlen durften. Viel zu erzählen hatte Uwe seinen Geschwistern, Tanten und Vettern nicht. Spareribs und Kirsch-Cola in einem amerikanischen Restaurant nahe der US-Kaserne erinnerten ihn an seine Kindheit. Zum Soundtrack des Widerstandes gegen die Startbahn West gehörten weitere Hits von Rio Reisers Band Ton Steine Scherben, dem musikalischen Aushängeschild der außerparlamentarischen Opposition. Bei einer gemeinsamen Berlinfahrt im VW-Bulli des Darmstädter Kinderschutzbundes mit mir am Steuer tauchten Uwe und sein Freundeskreis tief in die Berliner Hausbesetzerszene ein. Statt Jugendherbere eine besetzte Altbauruine und ein Gespräch mit Pastor Heinrich Albertz bildeten einen deutlichen Kontrast zu üblichen Klassenfahrten an die Berliner Mauer. Von Rio Reiser besungene Orte wie der Mariannenplatz im „Rauch-Haus-Song“ vom Album „Keine Macht für Niemand“ gehörten zum Besuchsprogramm. Als Musikjournalist durfte ich Rio später kennen lernen und viele Interviews mit ihm führen.

„Um mit dem Mythos der Studentenrevolte aufzuräumen“ hatte der ‚König von Deutschland‘, so ein größter Hit, mit Mitte vierzig seine Biographie vorgelegt. Vom politischen Theater kommend verstand sich Rio Reiser als Auftragsschreiber. Seine Gefühle, seine schwulen Beziehungen durften im linken Rock’n’Roll der intellektuellen Studenten nicht vorkommen. Aber Rio war keiner von ihnen. Er hatte die Schule abgebrochen, eine Fotografenlehre gemacht, bevor er nach Berlin kam, um mit seinen beiden älteren Brüdern eine Beat-Oper auf die Bühne zu stellen. „Ich hätte gerne auf jeden Beifall verzichtet, wenn dafür ein netter Junge mit mir ins Bett gegangen wäre“, schreibt Rio in seiner Biographie. „Dazu kam es aber erst nach fünfzehn Jahren auf der Bühne“. Der Titel ‚Komm schlaf bei mir‘ von allen Linken auf die Liebe zwischen Mann und Frau bezogen, „alles andere war in den 1970er Jahren undenkbar“, fand erst auf dem zweiten Album seiner Band ‚Ton, Steine, Scherben‘ Platz, „weil Gefühle eigentlich nicht auf eine politische Agitrock-Platte gehörten“. Auch wenn die Band ihren ersten Auftritt beim ‚Love and Peace Festival‘, dem letzten Auftritt von Jimi Hendrix hatte, „gehörte schwule Liebe nicht zur Flower Power Bewegung“, wie Rio im Rückblick feststellt. Gefühle wurden unterdrückt. „Wir wurden vom Publikum in die Rolle des politischen Agitators gedrängt und uns daran gehindert gefühlt, bestimmte Gefühle auszudrücken. Das war eigentlich ganz schön verlogen“. Daran ist die Band schließlich zerbrochen. Alleine konnte Rio seine Liebeslieder wie ‚Junimond‘ endlich veröffentlichen. Mit diesem Song, der inzwischen von zahlreichen Interpreten gesungen wurde, konnte Rio seine ganze Liebes- und Lebens-Tragik in ein paar Zeilen ausdrücken.

Bei englischen Popstars gehört es zum Erfolg, mit ihrer Sexualität zu kokettieren. Was bliebe von Freddy Mercury, Marc Almond oder Bronski Beat übrig, wenn sie nicht schwul wären? „Es ist ein gewaltiger Unterschied, in Deutschland zu sagen, dass ich schwul bin, als in England“. Frankreich macht dabei die größte Ausnahme. Paris wurde zum Zufluchtsort für viele schwule Künstler aus Amerika, England und Deutschland, weil Homosexualität dort schon seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr verfolgt wurde. Als Rio sich in einer Fernsehshow outete, sah sein Manager schon das Ende seiner Karriere gekommen. „Offensichtlich was es das nicht, und wenn es das Ende gewesen wäre, wäre mir das auch scheißegal“. Rio läuft nicht mit einem Schild „Ich bin schwul“ um den Hals herum. „Das interessiert überhaupt niemand. Ich will die Welt nicht mit meiner Sexualität belästigen. Aber wenn mich jemand fragt, sage ich ihm, dass ich mich bis jetzt nur in Jungs verliebt habe“. Rio wehrte sich im Gespräch dagegen als Berufsschwuler zu gelten. „Wenn Du Dich verliebst, dann verliebe Dich, egal in wen. Warum wird daraus ein Problem gemacht? Was ist eigentlich schwul? Ich weiß es nicht. Welche übergeordnete Instanz fragt, ob man sich in Männer oder Frauen verliebt? Bei mir waren es meistens Jungs, das ist Statistik. Alle Schwulen, die ich kenne, alle meine Freunde, haben alle auch mit einer Frau geschlafen, alle, nur ich nicht. Vielleicht verliebe ich mich auch mal in eine Frau“, sagte Rio zwei Jahre vor seinem Tod. Er hätte in seiner Biographie gern mehr dazu geschrieben, „aber das hat man mir heraus gestrichen“.

Trotz schwulen Ministern und der homosexuellen Ehe glauben Künstler auch heute noch, ihre Homosexualität vor dem Publikum verbergen zu müssen. Ganz Mannheim freute sich mit einem schwarzen Mannheimer Sänger dem Luke Mockridge in seiner TV-Casting-Show zum Durchbruch verhalf, weil er die Jury mit seiner Stimme überzeugte. Umso größer war das Erstaunen, als der Junge, der unter Freunden, in der Schule, und im Kinderheim immer seine Homosexualität betonte in der Lokalzeitung von seiner verflossenen Freundin fabulierte, und dass er sich eine Familie mit drei Kindern wünscht. An Angeboten von vielen Mädchen würde es nicht mangeln, schrieb die Lokalredakteurin. Darauf angesprochen begründete die Journalistin ihren merkwürdigen Bericht mit der Privatsphäre es Künstlers. Instagram-Freunde hatte er zuvor unter Androhung von rechtlichen Mitteln gezwungen Fotos zu entfernen, die ihn mit Regenbogenflagge zeigte.

Meinen Freund Uwe, den ich Anfang der 80er Jahre fast täglich traf, sei es nur mal kurz auf dem Rückweg von der Arbeit, oder länger später am Abend, wenn seine Freundin früh Zuhause sein musste, in mein Elternhaus einzuladen, vielleicht übernachten zu lassen, das war meinen Eltern höchst befremdlich. Während sich meine jüngere Schwester ihr Nachtlager mit Freunden und Freundinnen regelmäßig im Keller unseres Reihenhauses einrichten durfte, wurden meine Freundschaften Zuhause nicht geschätzt. Eine gleichaltrige Freundin hätte der unausgesprochenen Erwartungshaltung meiner Eltern vielleicht eher entsprochen. Während meiner zweijährigen Kaufmannslehre blieb ich trotzdem im Elternhaus wohnen. Erst mit Beginn meines Studiums, einer eigenen Wohnung in einer anderen Stadt, konnte ich mein Leben unabhängiger gestalten.

Andreas

Irgendwann gehörten Gerd, Susanne, Robert, Beate und Andreas zu Uwes Freundeskreis, der sich regelmäßig in einem Jugendhaus traf. Wir waren zusammen in Berlin. Wir fuhren zusammen in meiner Camping-Kastenente zur Schülerdemo nach Wiesbaden. Nach Abitur, Zivildienst und einem Wahlkampfjob hatte ich inzwischen meine Ausbildung zum Werbekaufmann begonnen. Dem Citroen 2CV folgte später ein zum Campingbus ausgebauter VW-Bus mit großer Liegefläche über dem Hinterradmotor. Gemeinsam zu Konzerten und Discoabenden zu fahren war noch gemütlicher geworden.

Andreas lebte alleine bei seiner Mutter, sein Vater hatte die kleine Familie vor ein paar Jahren verlassen. Er pflegte keinen Kontakt mehr zu ihm, auch um seine Mutter nicht zu verletzen. Jahre lang war seine Mutter Andreas wichtigste Bezugsperson. Ihren Befindlichkeiten ordnete er sein Leben unter, bis der Konflikt ein paar Jahre später eskalierte. Sie verkaufte sein Auto, das auf ihren Namen zugelassen war und warf ihn aus der Wohnung. Er zog zu seiner damaligen Freundin. Ein Leben ohne weibliche Umsorge war für ihn nicht vorstellbar. Unsere Gespräche kreisten zu meist um die Probleme mit seiner verflossenen oder seiner zukünftigen Freundin. Mir lag viel daran, dass er glücklich war. Nur wenn er in mir ein positives Beispiel für Unterstützung und Zuwendung erleben konnte, würde er mir seine Freundschaft entgegenbringen können. Das war ein Grundprinzip meiner Beziehungen. Während wir in meinem Campingbus unterwegs waren, lernte er auf den Polstern des Wohnmobils neue Frauen kennen. Neid und Eifersucht sind etwas mir grundsätzlich fremdes. Ich fühlte mich am wohlsten, wenn ich dabei mitwirken konnte, seine Träume wahr werden zu lassen. Ich wusste, dass ich seine Aufmerksamkeit nur genießen konnte, wenn er sich glücklich in der Beziehung mit einer Freundin sah. Für uns blieb die übrige Zeit, wenn sein Mädchen wegen anderer Verpflichtungen noch keine Zeit, oder, nachdem wir es gemeinsam nach Hause gebracht, hatten, keine Zeit mehr für ihn hatte. Ich wusste, dass unsere Gespräche die wirklich ernsten Themen des Lebens betrafen, während seine wechselnden Freundinnen ihm die ersehnte Zärtlichkeit und Bestätigung gaben. Irgendwann, als ich schon nach Mannheim zum Studium umgezogen war, rief er mich eines Abends verzweifelt an. Er war mit seinem Käfer auf der Autobahn nahe Karlsruhe liegen geblieben. Dass ich ihn bis nach Darmstadt zurück schleppte, überwältigte ihn. Dass ihm jemand mit so viel Einsatz und dem Risiko selbst Schaden zu nehmen half, war er nicht gewöhnt. Daraus aber die Konsequenz zu ziehen, diese Unterstützung zurück zu geben, das überforderte ihn leider ein wenig.

Durch Andreas lernte ich zum ersten Mal deutschsprachige Liedermacher, wie Ludwig Hirsch, Georg Danzer und Klaus Hoffmann, kennen. Bei der größten Bonner Friedensdemo Anfang der 80er Jahre konnte ich ein Interview mit Klaus Hoffmann vereinbaren, dass Andreas fasziniert verfolgte. Klaus Hoffmann war sein Held. Mit seinen blauen Augen strahlte er Klaus Hoffmann an. Seine blonden Locken machten Andreas zum Frauenschwarm, obwohl ihm lange und intensive Freundschaften immer wichtiger waren, als Abenteuer. Sein schmaler Mund betonte die weichen Gesichtszüge und verlieh ihm ein etwas scheues aber unglaublich einfühlsames Aussehen. Auch zum Konzert von Georg Danzer konnte ich Andreas samt seiner damaligen Freundin mitnehmen. Wir trafen den Künstler zum Interview und gingen nach dem Konzert mit ihm und seiner Crew zum Essen. Seit dem verbindet mich eine Freundschaft mit Klaus Hoffmann, den ich jahrelang fast auf jeder seiner Tourneen zum Interview traf. Obwohl selbst nicht schwul hat er mit seinem Lied „Wenn ein Mann einen Mann liebt“ die deutlichste Beschreibung der homosexuellen Widersprüche zusammengefasst, die man in einem Songtext finden kann. „Natürlich kennen wir Männer uns mit Männern besser aus“, erläuterte er mir gegenüber einmal seine Beweggründe für diese Reime. „Was mich anmacht, sind Erzählungen, egal ob sie persönlich oder erfunden sind. So würde ich auch meine Songs definieren, nur dass sie nicht auf Worte beschränkt sind“. Am besten liegt ihm die Rolle des Gauklers, der mit Worten spielt und mit Inhalten jongliert. Dabei findet er immer die Balance zwischen Nachdenklichkeit und Amüsement, Betroffenheit und Lebenslust. „Musik ist für mich eine Brücke von Herz zu Herz.“ Wenn Hoffmann von Liebe und Zärtlichkeit singt, fühlen sich manche Zuhörer irritiert.  „Mit Zeilen über Männerliebe will ich provozieren. Männer haben sich nicht zu lieben, sondern ihre Autos. Ich singe nicht wie ein Schlagersänger von der heilen Welt. Für mich ist Liebe immer widersprüchlich. Das Wort Liebe ist für mich schwierig über die Lippen zu bringen. Gern haben, Zuneigung, sich selbst finden. Das gehört für mich alles dazu“.

Jan

In Mannheim lernte ich zum ersten Mal schwule Clubs, Freier, Stricher, die ganze schwule Szene kennen. Nach meiner kaufmännischen Ausbildung konnte ich mich an der dortigen Universität zum Psychologiestudium einschreiben. Den mit Geld um sich werfenden Gastronomen, Prominenten und anderen älteren Herren in den Gay-Clubs wollte ich Ehrlichkeit, Respekt und Vertrauenswürdigkeit entgegen setzen. Schnell erkannten schwule wie hetero Jungs, in mir einen älteren Freund finden zu können, auf den sie sich verlassen konnten, ohne eine blöde Anmache ertragen zu müssen. Manchmal lud ich jüngere Freunde aus meiner Heimatstadt zum Ausflug in die schwule Szene ein, die sich darauf verlassen konnten nach der Party in den frühen Morgenstunden einen behüteten Schlafplatz in meinem Gästezimmer zu finden, oder gleich nach Hause gebracht zu werden. Das in mich gesetzte Vertrauen sollte es mir verbieten, meine eigenen Bedürfnisse zu artikulieren. Stricher aus der schwulen Szene fanden in mir den väterlichen Freund, der sie in Ruhe ließ, obwohl ich erst Mitte zwanzig war. Dass eine alte Freundin, die vor ein paar Jahren mit mir in Berlin war bei ihrem Besuch mit mir schlafen wollte, hat mich überrascht und mir gezeigt, dass der Geschlechtsakt mit Frauen vielleicht interessant aber nicht befriedigend war. Die Nachtclubs eröffneten mir eine neue Musikwelt. Klassisch und rockig geprägt, entdeckte ich New Wave, Soul, Funk und elektronische Klänge. Durch Interviews mit Simple Minds, Depeche Mode, Al Jarreau und Grad Master Flash kam ich diesem Sound auch persönlich näher.

Jan wusste, dass viele schwule Männer ein Auge auf ihn geworfen hatten, obwohl er nichts von ihnen wollte. Er ließ sich gern einladen. Dass ihm lauter männliche Augenpaare folgten, wenn er sich im Hard Rock Club, einem New Wave Laden, auf die Tanzfläche wagte, machte ihn stolz. Mit skeptischem Blick, leicht verzogenem Mund, und den über seine braunen Augen hängenden Haaren gab er in seinem Gesicht wenige Gefühle zu erkennen. Doch stand diese äußere Coolness ganz im Gegensatz zu seinem kindlichen Gebaren. Sein bester Kumpel Sascha war ihm wichtiger als alle Verehrer. Und mein VW Bus kam ihm für dem Umzug gerade recht, als er noch ohne Schulabschluss die mütterlichen Wohnung verließ, um sich ein Zimmer in Mannheim zu leisten, dass er sich von einem älteren Freund finanzieren ließ. Daneben wurde meine Wohngemeinschaft zu einem Fluchtpunkt nach durchgemachten Nächten. Hier gab es immer was zu essen, ein warmes Gästebett, und einen unaufdringlichen Gesprächspartner, der sich von allen Haschisch-Deals fern hielt. Wenn er ausnahmsweise einmal eine Freundin hatte, konnte er auch sie zu mir mitbringen. Seinem Busenfreund Sascha waren die Mädels wichtiger. Bevor er sich später mit Jan ein Zimmer in meiner Wohngemeinschaft leiten würde, schlief Sascha auch mal mit seiner Freundin bei mir im Doppelbett. Wir fuhren zusammen auf Festivals nach Holland zum Interview mit Talk Talk und Robert Smith von The Cure. Mit einem Zelt durchquerten wir die Pyrenäen in meinem alten Benz, der den VW Bulli inzwischen abgelöst hatte. Jan schlief meistens draußen in der Natur. Während Sascha ein paar Jahre später Vater einer Tochter wurde, habe ich Jan nie wieder mit einer Frau gesehen. Nach der Goldschmiedelehre richtete er sich eine kleine Werkstatt als Selbstversorger auf einem Waldgrundstück im Odenwald ohne Strom und fließend Wasser ein. Ob er sich als Einzelgänger nicht auf Paarbeziehungen einlassen wollte, oder in seinen schwulen Freunden doch mehr sah, als er sich eingestehen konnte, war nie endgültig zu erkennen. Bedürfnisse nach körperlicher Liebe schienen ihm immer fremd zu bleiben.

Gustav

Um den Biervertrag zu erfüllen lockte ein Studentenclub am Sonntagnachmittag Schüler mit Freibier in seinen Tanzkeller. Den Gastwirt kannte ich als spendablen Herrn aus der schwulen Szene. Er bot jungen Gästen schon mal tausend Mark, wenn sie ihn in sein Penthaus auf dem gegenüberliegenden Häuserblock begleiten würde. Und er wedelte gern mit den braunen Tausendern vor den erstaunten Augen der Schüler herum. Der Türsteher seiner Kellerdisco suchte die Jungs für ihn aus. Dort war ich öfters Dirk, Gustav, Rainer und Uli begegnet. Sie besuchten die Walldorfschule. Dirk war etwas älter, in der Oberstufe. Gustav, Rainer und Uli standen ein Jahr vor ihrem Hauptschulabschluss. Dirk hatte ich schon ein paar Mal nach Hause gefahren. Auch übernachtet hatte er bei mir. Die Jungs trafen sich regelmäßig am Rheinufer in der Nähe ihrer Schule. Dabei lernte ich Gustav, Rainer und Uli näher kennen. Eines Tages nahmen mich Rainer und Uli zur Seite. Ihnen waren vom Türsteher jeweils 1000 Mark für einen Besuch bei seinem Chef geboten worden, und sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollten. Mit wem könnten sie über so ein Angebot reden? Würde der Türsteher sie weiter mit ihren Freunden in den Club lassen, wenn sie dankend ablehnten?  Wie sollten sie sich verhalten? Von Dirk wussten sie, dass er sich schon auf solche Rendezvous eingelassen hatte, obwohl er nicht schwul war und als erfolgreicher Frauenstecher galt. Sie hatten keine Angst, aber so richtig einschätzen, was Ihnen in dem Penthaus blühen würde, konnten sie auch nicht.

Rainer begann schon in der Schule Mode zu entwerfen und Jacken aus alten Bluejeans für seine Freunde zu nähen. Er gehörter als jüngster Teilnehmer zu den Gewinnern des Aenne Burda Moden Wettbewerbes und hat inzwischen, nach Schneiderlehre, Mode- und Business-Studium die europäischen Ableger mehrerer weltbekannter Modemarken als Chef geführt. Zusammen mit Gustav und Uli präsentierte er seine Mode bei Schulfesten. Für ein Stadtmagazin fotografierte ich den jungen Modezar mit seinen Models und stellte ihn mit einem großen Bericht vor. Dank meiner Pressekontakte organisierte ich einen Besuch beim ZDF. Es ging um Mode und Rockmusik. Wir fuhren drei Tage nach München in die Bavaria Studios. Nobelhotel, Stellproben und Fernsehaufzeichnung mit aktuellen Rockstars aus den Charts waren ein faszinierendes Erlebnis für die Jungs. Mit den drei Mädels von Bananerama tauschten sie auf der Studiobühne sehnsüchtige Blicke aus. Als Bronski Beat mit ihrem Sänger Jimmy Somerville und dem Chart Hit ‚Smalltown Boy‘ nach Mannheim kamen, begleitete mich Gustav zum Interview und einem gemeinsamen Foto in die Konzerthalle. Ein Jahr später sollten wir uns alle in London wieder sehen.

‚Smalltown Boy‘ erzählt die Geschichte eines schwulen Jungen, der aus seiner Stadt in der englischen Provinz flüchtet, und gibt die eigenen Erlebnisse der Musiker wieder. „Als ich meiner Mutter mit 17 gesagt habe, dass ich schwul bin, war sie sehr verständnisvoll und hat mich unterstützt“, berichtet Jimmy Somerville, „Aber in der Schule und auf der Straße, wurde es zur Hölle. Viele Leute reagierten sehr aggressiv. Ich habe aus meiner Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht und den Hass der Anderen damit auf mich gezogen“. Steve Bronski ist mit 17 nach London gezogen. „Meine Familie kam damit gar nicht klar, dass ich meinen Freund liebte“. Die meisten schwulen Popmusiker sprachen in den 80er Jahren noch nicht offen über ihre Sexualität. „Wir dachten uns, wenn wir die ersten sind, die sich offen bekennen, könnte das anderen helfen. Vor allem wollten wir ein Vorbild sein für alle, die Schwierigkeiten mit ihrer Homosexualität haben, Probleme mit ihren Familien und Freunden. Als Jugendliche waren wir ziemlich durcheinander und verwirrt. Ich habe erst später verstanden, dass ich nur einer von vielen Schwulen bin. Homosexuelle sind eine Minderheit, aber eine wichtige. Man sollte keine Angst haben darüber zu sprechen. Wir haben uns nie Frauenkleider angezogen wie Boy George, sondern versucht, ganz normale Jungs zu sein in T-Shirt und Jeans, die glücklich sind, schwul zu sein und keine Angst haben, das zu sagen“. Jimmy hofft, „dass auch andere Künstler ehrlicher werden, weil wir mehr Offenheit brauchen. Popsongs handeln meistens von ‚Boy meets Girl‘, und sie liebten sich eine Nacht. Aber es gibt noch viel mehr in menschlichen Beziehungen“.

Auch nach Chart-Erfolg, Fernsehauftritten und ausverkauften Konzerten wurden Bronski Beat in der Öffentlichkeit beschimpft. „Wir werden weniger als Musiker, sondern als die derzeit bekanntesten Schwulen wahrgenommen. Jeder erkennt uns auf der Straße. Wir werden oft angepöbelt und attackiert“, beklagte Jimmy Somerville. „Die meisten Leute haben ein völlig falsches Bild von uns Schwulen, das finde ich besonders schlimm“, ergänzt Steve Bronski. „Wir denken nicht den ganzen Tag nur an Sex, wie es viele in ihren beleidigenden Witzen unterstellen“. Als Gustav mit seiner Schulklasse für einen Monat zum Schüleraustausch nach London fuhr, hatte ich dort ein paar Interviewtermine zu denen mich die englischen Musiklabels regelmäßig eingeladen haben. Nach einem Konzert mit Steve Bronski und Jimmy Somerville wurden wir von ihrem Manager in den VIP-Bereich des angesagtesten Londoner Gay-Clubs ‚Heaven‘ eingeladen, nach dem sich bis heute zahlreiche schwule Partys benennen. Auch zu anderen Interviews und Events konnte mich Gustav begleiten, der heute seine eigene Werbeagentur in der britischen Hauptstadt führt. Sein erster Besuch in London hatte nachhaltige Folgen für sein Berufsleben.

Marc Almond, der mit seinem Partner Dave Ball als Soft Cell mit ‚Tainted Love‘ der Welt einen Ohrwurm hinterließ, hatte seine Homosexualität nie zum Thema seiner Musik gemacht. Mit Bronski Beat veröffentlichte er den Hit ‚I Feel Love‘. Er ist mit Theaterengagements, Kabarettauftritten und seinem Studium an der Kunsthochschule zum Künstler gewachsen. Seine Musik dient ihm viel mehr dazu seine eigene extrovertierte Persönlichkeit darzustellen, als gesellschaftsapolitische Statements zu verkünden. Darin gleicht er mehr Freddy Mercury und David Bowie als den Bronski Beats. „Theaterspielen hat mir das Selbstvertrauen gegeben, auch als Musiker auf der Bühne alles von mir Preis geben zu können“ sagte er mir bei einem Interview in London. Er bezeichnet sich als besonders schüchtern, besonders im privaten Bereich. „Dafür kann ich mich vor meinem Publikum völlig verausgaben. Ich leide auf der Bühne. Von diesem masochistischen Widerspruch lebt meine Show“. Klassische Musik bildet einen wichtigen Hintergrund für Marc Almond. „Bei Soft Cell wurden aus Filmmelodien Popsongs, aber die elektronische Musik war nie meine Heimat. Technik interessiert mich nicht. Deshalb war ich im Studio den Produzenten ausgeliefert. Die Musik der 60er Jahre, Beatles und Led Zeppelin gibt mir viel mehr Gefühl“. Das bewies Marc Almond exemplarisch im Duett mit Gene Pitney und ihrer Version von ‚Something’s Gotten Hold Of My Heart‘.

Mason

Robert gehörte zum Darmstädter Freundeskreis von Uwe und Andreas. Er war auch bei unserem Ausflug nach Berlin in einen besetzten Altbau dabei. Als Sohn eines Afroamerikaners, kümmerte er sich liebevoll um den Sohn einer drogenabhängigen Bekannten in ärmsten Verhältnissen. Dessen Vater, ebenfalls Afroamerikaner, tingelte, seit seiner Zeit in der US-Armee, als Musiker durch die Lande, und kümmerte sich genauso wenig um seinen Sohn wie Roberts Vater um ihn. Auch ich half dabei, die kleine Familie zu unterstützen. Wir brachten der Mutter mit meinem Auto einen neuen Kühlschrank vom Sozialamt und kümmerten uns um Mason, wenn es seiner Mutter gesundheitlich schlecht ging. Oft fand er seine Mutter betrunken auf dem Sofa, wenn er von der Schule nach Hause kam. Wir sahen uns bei Musikfestivals und auf Straßenkonzerten, wo ich Mason einmal mit meiner Kamera portraitierte, als er mit einer befreundeten Reggae-Band über die Bühne tanzte. Ein paar Jahre später rief seine Mutter mich an. Mason war in die Hooligan Fußballszene gerutscht. Er beteiligte sich an Schlägereien, suchte Anerkennung bei rechten Skinheads und hatte sexuelle Erfahrungen mit einem gleichaltrigen Freund gemacht. Dazu die Heroinsucht der Mutter und seine eigenen Drogenerfahrungen, das hatte ihn für Monate in die Psychiatrie gebracht. Schwul, schwarz, Hooligan – passte gar nicht zusammen. Seine Mutter kam nicht mehr zu recht mit ihm und bat mich, ihn zu unterstützen. Er musste raus aus seiner Stadt, neue Freunde kennen lernen, neue Erfahrungen sammeln. Ich holte ihn mit meinem Wagen ab. Nach dem Umzug war mein Bulli durch einen alten Mercedes ersetzt worden. In Mannheim stellte ich ihn meinen Freunden vor, Jörg, Wolfgang, Clemens, Marco und Ruben, ein paar Jungs, mit denen ich mich regelmäßig in einem schwulen Club traf. Sowas gab es in meiner Heimatstadt nicht. Deshalb hatte ich schon öfter Freunde für ein Wochenende zu mir eingeladen. An meiner Seite konnten sie sicher sein, dass ihnen kein Mann im Club zu nahe kam. Andererseits genossen Sie die Aufmerksamkeit in der Diskothek und ließen sich gern zu einem Drink einladen. Wenn wir uns auf den Heimweg machten, zeigten die lüsternen Blicke mancher Gäste mittleren Alters gewissen Neid. Sie wussten nicht, dass die Jungs mir deshalb vertrauten, weil ich sie nie anfassen würde. Solche Annäherungsversuche mussten von ihnen kommen. Aber auch dann, wenn ich mit einem Jungen die ganze Nacht lang über Sex sprach, hielt mich mein Respekt davon ab, der Theorie Taten folgen zu lassen.

Zunächst habe ich Mason jedes Wochenende nach Mannheim geholt. Dann bezog er ein Zimmer in meiner Wohngemeinschaft, und ich brachte ihn fast täglich zur Arbeit an die Bergstraße. Meine Mannheimer Freunde schlossen ihn sofort in ihr Herz. Sein schwarzer Lockenkopf, die großen braunen Augen und sein offenes Gesicht mit schmaler Nase und sinnlichen Lippen ließen ihm alle Sympathien zufliegen. Schon am ersten Abend fühlte es sich so an, als würden sie sich seit dem Kindergarten kennen. Masen wurde zum Mittelpunkt des Freundeskreises. Dass er einmal mit mir geschlafen hatte, es unbedingt wollte, spielte keine Rolle. Natürlich wusste es niemand. Zusammen besuchten wir seinen Vater in München, den er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Erfolg bei den Frauen in unserer Clique hatte er nicht. Aber die Jungs schmolzen dahin. Sie waren nicht schwul, hatten aber viele schwule Bekannte und genossen es, mit Mason zärtlich und gefühlvoll umgehen zu können, ohne sich Fragen nach der sexuellen Orientierung zu stellen, oder gar zu beantworten. Sich als schwul, bisexuell oder hetero zu definieren verlangt niemand. Diesen Stempel habe ich immer abgelehnt. Ich versuchte meinen Freunden zu vermitteln, dass es am wichtigsten ist, sich bei jeder menschlichen Begegnung nach den eigenen Empfindungen zu fragen, für seine eigenen körperlichen Zeichen und Regungen offen zu sein, sich seine Gefühle nicht zu verbieten. Zu oft hatte ich von Jungs gehört, die nach ungewollten schwulen Abenteuern nah an den Selbstmord gerieten. Ein befreundeter Musiker, der Sex mit dem jüngeren Bruder seines besten Freundes hatte, war kürzlich mit einer Überdosis Schlaftabletten im Straßengraben gefunden worden.

Für ein paar Monate wurde Mason zum Mittelpunkt meines Lebens. Wir ergänzten uns in so vielen Dingen. Wenn er bei mir war galt ihm meine ganze Aufmerksamkeit. Wenn er nicht bei mir war dachte ich unentwegt darüber nach, was ich im Auto zu ihm sagen würde, wenn ich ihn von seiner Arbeit an einer Autobahntankstelle abholen würde. Mason eröffnete mir neue Freundschaften, weil er sich an meiner Seite so tief in das Herz der anderen Jungs grub. Seinem Charme konnte kaum ein Freund widerstehen. Bei den gemeinsamen Fahrten zu den Rockfestivals am Rheinfelsen Loreley durfte er nicht fehlen. Auch nach München begleiteten uns Jörg, Clemens und Ruben, weil sie sich in seiner Gegenwart so unglaublich wohl fühlten. Mason wurde fast zu einem Teil von mir, der ausgelassenen, fröhlichen Hälfte meiner Persönlichkeit, während mich selbst Vernunft und Verantwortung stets gefangen hielten.

Im Freundeskreis nahmen die stabilen Partnerschaften zu. Mason erregte das Interesse einer wesentlich älteren Frau und fand bei ihr zeitweise sein Glück. Statt bis in den frühen Morgen im schwulen Club zu feiern und dann noch in ein Restaurant oder an einem See schwimmen zu gehen, blieb man lieber familiär Zuhause. Wir sahen uns weniger. Mason bekam eine kleine Schwester. Seine Mutter blühte in einer neuen Beziehung auf. Alkohol und Drogen hatten ihr jedoch so zugesetzt, dass Sie viel zu früh kurz nach ihrem neuen Partner starb. Mason kümmerte sich um seine kleine Schwester. Und ich hatte niemand mehr, um den ich mich kümmern konnte. Ich fühlte mich am wohlsten, wenn ich jemand hatte, über den ich mir Gedanken machen konnte, um ihn auf seinem Lebensweg zu fördern. Freunde zu verknüpfen, sie miteinander bekannt zu machen, um ihre Perspektiven zu erweitern, fühlt sich sehr zufriedenstellend an. Sei es auf Reisen, sei es bei Konzerten und Veranstaltungen oder einfach bei einer netten Unterhaltung, Jungs mit unterschiedlichem Alter, aus verschiedenen Szenen und Freundeskreisen, Städten und Ländern, Staaten und Kontinenten zu verketten, und sie für gegenseitige Gefühle anzuzünden, macht mich glücklich. Dass das Leben vieler Freunde völlig anders verlaufen wäre, wenn sie mich nicht kennen gelernt und durch mich neue Freunde gewonnen hätten, macht mich stolz.

Jörg

Jörg war schon über ein Jahr mit Simone zusammen, als ich ihn im schwulen Nachtklub kennen lernte. Mit seinen schulterlangen Haaren, weichen Gesichtszügen und eher traurigen, dunklen Augen wirkte er besonders feminin. Mit Mason verstand er sich sofort großartig. Der schwarze Junge weckte Gefühle in ihm, die er aus der Partnerschaft mit seiner Freundin nicht kannte. Bei vielen schwulen Gästen des Club war er beliebt. Seine Mischung aus langhaarigem Hippie, muskulösem Gefühlsmensch und treuem Mädchenschwarm überdeckte sein fragiles Selbstbewusstsein. Mit Simone an seiner Seite nahm er schwule Komplimente gern entgegen. Mit wenigen Ausnahmen war sein Gefühlsleben auf seine Freundin konzentriert. Mit Mason ließ er sich auf halbnackte Fotos ein und fühlte den besonderen Reiz daran. Die schwulen Freunde von Simone hielt er eher auf Distanz. Als er sich zu mir ins Bett legte und die ganze Nacht über Sex sprach, nahm ich das nicht als Annäherung wahr. Mein Respekt galt ihm und seiner Beziehung. Hätte ich sein Leben mit mehr Mut verändern können? Hätte er eine schwule Alternative spüren können? Hätte ihn körperliche Liebe mit einem ihm sehr vertrauten Mann in seinem Gefühlsleben weiter gebracht? Hätte ich ihn verführen sollen, um ihn vor sich selbst zu retten? Der Kleinkrieg mit Simone wuchs, die sich gern nach anderen Jungs umsah. Ruben wurde sein Nachfolger. Er galt als extremes Beispiel für ungezwungenes und untreues Beziehungsverhalten. Jörg fand mit Chrissy seine neue Liebe. Trotz langjähriger Paarerfahrung war er den Höhen und Tiefen seiner Gefühle aber nicht gewachsen.

Wie wäre es gewesen, wenn ich Jörg geküsst hätte, wir unsere Münder aufeinander gedrückt hätten, uns gegenseitig mit unseren Zungen erforscht hätten? Wie wäre es gewesen, wenn ich Jörg meine Finger in seinen Hintern gesteckt hätte, als er davon erzählte, wie ihn ein Urologe mit seinem Finger im Arsch untersucht hatte. Wollte Jörg mir damit den Weg zum Liebesakt bereiten? Wollte er etwas anderes versuchen, als sich von seinen Freundinnen abhängig zu fühlen? Wie hätte sich mein Leben verändern, wie sich meine Zukunft radikal gewandelt, wenn wir ein Paar geworden wären, und sei es nur eine heimliche Liebe gewesen. Jörg war treu, ehrlich und verlässlich. Gelang ihm die Treue zu seinen Freundinnen, weil er den Frauen eigentlich nicht so viel Bedeutung zumaß wie sie ihm? Dieses Geheimnis zu ergründen blieb mir versagt. Mit Anfang Zwanzig fand ihn seine Mutter an einem Gürtel erhängt im Keller, nachdem auch Chrissy ihn nach vielen Auseinandersetzungen endgültig verlassen hatte. Wusste er keinen anderen Ort, seiner Liebe eine Heimat zu geben? Er hat sich das Leben genommen, als wir uns schon länger aus den Augen verloren hatten.

Ruben

Ruben hielt Simone nicht lange die Treue. Sie hatte sich mit seiner Hilfe von Jörg getrennt. Aber für ehrliche Partnerschaften mit Frauen war Ruben nicht geschaffen. Sich mit Freunden einen runter zu holen, war für ihn dagegen nichts Ungewöhnliches. Eine Freundin seiner Tante hatte ihn scharf gemacht, seine sexuellen Begierden mit den Erfahrungen einer erwachsenen Frau geweckt. Ihm ging es immer nur ums ficken. Und dazu gehörte auch die eine oder andere schwule Affäre. Er brachte einen schwulen Freund mit zu mir ins Bett, und konnte sich sicher sein, dass der dort nicht alles mit ihm anstellen konnte, was er wollte, während ich neben ihnen schlief. Ruben wollte mit Menschen spielen, und benutzte dafür andere. Dessen musste man sich bewusst sein. Ich war es, andere nicht. Ich kannte seine schwachen Momente. Er kämpfte sich durch die externe Realschulprüfung, weil er von seiner Schule verwiesen worden war. Die Ausbildung zum Hotelkaufmann war anstrengend. Aber heute gehört er zu den Prüfern des Hotelverbandes. Mehrmals unter der Woche ließ er sich von mir nachts zu wechselnden, älteren Frauen fahren und wieder abholen. Dass ich wusste, mit wem er es trieb, ahnten die Partnerinnen nicht. Wir waren mal ein Wochenende zusammen in Paris und bei vielen Rockkonzerten, U2, Madonna. Ein Foto von mir, das ihn zwischen Martin Gore von Depeche Mode und Lisa Standsfield bei einer Backstageparty nach Peter Illmanns Popshow in der Dortmunder Westfalenhalle zeigte, steht bis heute auf seinem Schreibtisch im Direktionsbüro eines großen Hotels. Die Rolling Stones in Frankfurt hatten wir verpasst. Ruben war nach der Arbeit in der Straßenbahn eingeschlafen und drehte stundenlang Runden durch Mannheim, während ich auf ihn wartete.

Als Ruben eine eigene Wohnung mit seiner Freundin bezog, half ich beim Umziehen. Er war bei seiner Mutter aufgewachsen und als Jugendlicher zum Vater gewechselt. Das hatte ihm gut getan. Weniger Stress. Und gab ihm mehr Freiheiten. Er konnte schon als Jugendlicher nach Hause kommen, wann er wollte. Trotz gemeinsamer Wohnung, trennte er sich bald von seiner Partnerin. Auf dem Weg vom Rezeptionslehrling zum Hoteldirektor verstand er es immer wieder gut, auch schwule Vorgesetzte von sich zu überzeugen. Seine Art war immer unterhaltsam, aber ganz schön egoistisch. Wirklich um Gefühle und Zuneigung ging es ihm nie. Mit den Jungs auf der Rückbank von meinem Mercedes im Spaß rumzuknutschen und sich dabei fotografieren zu lassen, erhöhte seinen Unterhaltungswert. Er war nie echt, sondern spielte immer die Rolle, die ihm grad zu passen schien. Die Beziehungen zu seinen Freunden, denen er nichts vormachen konnte, waren ihm immer wichtiger als Liebeleien auch mit Hotelangestellten, die ihn aber zur Aufgabe seines Jobs bei einer amerikanischen Hotelkette zwangen.

Clemens

In der schwulen Diskothek war Clemens mit vielen Jungs befreundet. Er übernachtete mehrfach nach langen Partynächten, die erst am frühen Morgen in einem griechischen Restaurant oder am Baggersee ihr Ende gefunden hatten, bei mir. So manch einer seiner älteren schwulen Freunde, glaube, ich könnte eifersüchtig darauf sein, wenn er mit ihnen umherzog. Wenn ich jemand zum Drink einlud oder auf ein Rockkonzert, ihn für Radiointerviews mit hinter die Bühne nahm, erwartete ich dafür keine Gegenleistung, schon gar keinen Sex. Ich konnte vieles geben, ohne etwas dafür zu nehmen. Das unterschied mich von anderen Jungs im Gay-Club, die von den Boys, denen sie einen Abend lang Drinks spendiert hatten, eine gemeinsame Nacht erwarteten. Diese Sicherheit körperlicher Unberührtheit war Clemens sehr wichtig. Ich besuchte ihn bei seiner Mutter. Sein Vater hatte sich früh getrennt und eine neue Familie gegründet. Mit Clemens verbanden mich viele intensive Gespräche, über mich, genauso wie über ihn und seine Freundinnen. Bei ihm konnte ich mich fallen lassen. Alle Gedanken und Sorgen von mir streifen. Wir saßen in seinem Zimmer auf dem Boden, mein Kopf in seinem Schoß und fantasierten von weiten Reisen, während der der Zug nach Paris vor seinem Fenster die Rheinbrücke nach Ludwigshafen überquerte.

Er brauchte keine Partnerin zum Leben und war bei der Auswahl sehr wählerisch. Für ihn war am wichtigsten, wie seine Freundinnen aussahen. Er war mehrfach mit stolzen, schwarzen Frauen liiert. Als sich jedoch zwei seiner Freundinnen, eine grade in der Trennungsphase, die andere dabei sich in ihn zu verlieben, auf der Treppe zur mütterlichen Wohnung im dritten Obergeschoss begegneten, beide sehr stolz, beide schwarz, die eine Afroamerikanerin die andere aus Eritrea, war es mit der Liebe erst mal vorbei. Die beiden hätten sich fast die Augen ausgekratzt. Bis zur nächsten Beziehung dauerte es mehrere Jahre. Auf dem Heimweg von nächtlichen Tanzabenden unterhielten wir uns stundenlang im Auto. Ich frage ihn um Rat, wie ich andere Jungs, zum Beispiel Marco, kennen lernen könnte. Sollte ich Marco einfach im Schwulen-Club ansprechen? Dass würde seiner fünf Jahre ältere Freundin nicht gefallen. Sie hielt beschützend ihre Hand über ihren gutaussehenden jüngeren Freund und ließ nur Freundschaften zu, die ihrem Einfluss nicht gefährlich werden konnten.

Zuhause bei seiner Mutter wurde es für Clemens immer schwieriger. Seine Mutter litt unter Depressionen. Sie war völlig unberechenbar und sehr auffällig geworden. Sie verteilte Geldscheine an Passanten oder verkroch sich tagelang in ihr Zimmer. Das konnte der Abiturient nicht mehr aushalten. Als ein Zimmer in meiner Wohngemeinschaft frei wurde, zog er bei mir ein. Sein Vater bezahlte ihm Unterhalt. Obwohl Clemens bei mir wohnte, entfernte sich unser Leben zunehmend voneinander. Als seine Mutter bei einem Gewitter von einem herabfallenden Ast erschlagen wurde, zog er zu seinem Vater, der mit seiner Frau und zwei kleinen Geschwistern ein Haus gebaut hatte, ganz in der Nähe des Gymnasiums in dem Clemens sein Abitur bestand. Mit seiner Mutter war er oft in Irland gewesen und sich die Liebe zur grünen Insel bewahrt. Reisen wurde zu seinem Beruf. Er leitet heute ein Reisebüro und nimmt an Sportevents wie den Ironman-Wettkämpfen teil.

Marco

Marco war der jüngste unter den Gästen des schwulen Clubs. Er hatte eine fünf Jahre ältere Freundin, die ihm die Türen ins Nachtleben öffnete. Michaela übernachtete meistens bei Marco in seinem Elternhaus. Sie war ganz besonders eifersüchtig, wenn Marco Zeit mit älteren Freunden, wie mit mir, verbrachte. Sie betrachtete Marco als ihr Eigentum. Schwule Männer, denen sie ihn präsentierte, und die ihn in ihrer Gegenwart spaßeshalber anbaggern duften, waren ihr genehm. Aber jemandem wie mir, der unter dem Wort Freundschaft mehr verstand, als ein Tächtelmächtel, fühlte sie sich unterlegen. Natürlich genoss es Marco in jungen Jahren fast jede Nacht seine Freundin bei sich im Bett zu haben, die ihn dann im eigenen Wagen an seiner Schule vorfuhr. Aber auch dieser Glanz verblasste nach gewisser Zeit. Mit seinen strähnigen, goldblonden Haaren, den kleinen Grübchen in seinen Wangen, die seiner wohlgeformten Nase und dem schmalen Mund noch mehr Glanz verliehen, wirkte er manchmal sehr erwachsen. Und im nächsten Augenblick schaute er wie ein kleines Kind zwischen den Strähnen seines Haarvorhanges hervor. Das spitzbübige Leuchten in seinen blauen Augen hat sich Marco bis heute bewahrt. Dieser Blick war mir schon bei einer Fotosession aufgefallen, als wir uns kennen gelernt haben. Seine Fotos gehören bis heute zu den eindrucksvollsten Portraits, die ich jemals aufgenommen habe. Eine betörende Mischung aus schüchterner Zurückhaltung und spielerisch, frecher Arroganz, die nie böse gemeint war.

Marco konnte sich immer auf meinen Einsatz verlassen. Als seine Eltern sich ein neues Haus gemietet hatten, half ich beim Umzug, beim Tapezieren, Streich und Teppich legen. Ein paar Monate später zog er zu mir. Der Stiefvater hatte sich von seiner Mutter getrennt. Als sich seine Mietschulden aus mehreren Monaten angesammelt hatten, kam er nachts zu mir ins Bett gekrochen. Aber auf Sex hatte er dann doch keine Lust. Und die gesamten Mietschulden als Preis für eine Nacht wären mir wirklich zu hoch gewesen, auch wenn ich früher lange von Marco geträumt hatte, und ich mir nichts wundervolleres, als eine Beziehung zu ihm habe vorstellen können. Unsere Freundschaft sollte Freundschaft bleiben und nicht zu einer geschäftlichen Verbindung werden. Bis heute begleiten mich seine schwarz-weiß Portraits. Zum Start in seine Ausbildung zum Bauzeichner hatte ich ihm ein Zeichenbrett zum Geburtstag geschenkt, das er bis heute benutzt. Sich in ihn hineinzuversetzen, zu erkennen, welches Präsent ihn nicht nur bespaßen, sondern mit einer nachhaltigen Wirkung verbunden ist, war mir ein großes Anliegen. Heute leitet er eine Baufirma und freut sich immer, wenn wir uns mal wieder sehen.

Alexander

Um für meine Presseagentur, die sich auf Musik- und Jugendthemen spezialisiert hatte und Reportagen aus diesen Themenkreisen in zahlreichen Tageszeitungen veröffentlich hat, neue Themen zu finden, bin ich auf Gymnasien, Haupt- und Realschulen zugegangen mit dem Angebot, ein paar Stunden Deutschunterricht zu gestalten, und mit den Schülern Texte zu erarbeiten, die für die Veröffentlichung auf den Jugendseiten von Tageszeitungen geeignet wären. Viele Schulen nahmen dieses Angebot gern an. Manche Schulleiter freuten sich über eine kostenfreie Stundenvertretung für erkrankte Lehrkräfte, manche Lehrer überließen mir ihre Klassen für ein paar Stunden. Dass die Texte, die ich mit Schulklassen erarbeitete, kurz darauf bundesweit in Tageszeitungen zu lesen waren, motivierte die Schüler sehr. Von einer nahgelegenen Schule besuchten mich einzelne Schüler immer wieder in meinem Büro. Ich unterstützte sie bei der Durchführung von Schülerpartys in einer Diskothek, deren Inhaber ich von Musikreportagen und Konzertkritiken kannte. Alexander kam immer öfter nach der Schule bei mir vorbei. Seine Mutter arbeitete, zu seinem Vater hatte er wenig Kontakt. Es setzte sich zu mir an den Schreibtisch und erledigte seine Hausaufgaben. Ein kurzer Anruf bei seiner Mutter auf der Arbeit sollte sie beruhigen. Natürlich berichtete ihr Alexander nur von den schönen Seiten des Lebens. Dass er eine Klasse wiederholen musste, verschwieg er lange. Er war seinem Direktor, der vor ein paar Jahren für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert hatte, als kleiner Knirps im Wahlkampf in einem Lokalfernsehinterview unsanft auf die Füße getreten. Das sollte sich jetzt rächen.

Mädchen standen bei Alexander nicht so hoch im Kurs. Er hatte selten Freundinnen und wenn nur für kurze Zeit. Seine Kumpels waren ihm wichtiger. Eine Frau zu finden, in die er sich wirklich verlieben konnte, war eher schwierig. Als ein Freund betrunken bei einer Party in seinem humanistischen Gymnasium herumtorkelte, bat er mich, diesen nach Hause zu bringen. Dass sein Lehrer kurz darauf alleine vor dem gerufenen Notarztwagen stand, sorgte lange für Belustigung. So besoffen war der Schüler wirklich nicht. Das richtig einzuschätzen, war dem Altphilologen schwer gefallen. Mit den in meinem Schulprojekt entstandenen Texten und entsprechenden Anzeigenkunden startete ich eine Stadtschülerzeitung, ein Jugendmagazin für mehrere Schulen, in dem interessierte Schüler ihre Meinung äußern durften. Die Namen der Autoren waren nur in der ersten Ausgabe zu lesen, denn ihre Kritik stand bei den Schulleitern nicht hoch im Kurs. Die Autoren wurden in die Direktorate einbestellt. Ein durch Werbung finanziertes Meinungsblatt, das vor dem Schultor kostenlos verteilt wurde, und sich der Kontrolle der Schulleitungen entzog, war für baden-Württembergische Verhältnisse provozierend.

Die Schüler suchten sich Veranstaltungsmöglichkeiten und Freizeitaktivitäten, die mit ihren Eltern und den Schulen möglichst wenig zu tun haben sollten. Deshalb wurden meine Events in Kooperation mit Schülervertretern sehr erfolgreich. Alexander saß schon als 15 jähriger Abends an der Kasse der Schülerdisco in einer stadtbekannten Diskothek. Um Weizenbier möglichst preisgünstig verkaufen zu können, bat der Clubbesitzer die Schüler um eigene Bierlieferungen, zu günstigerem Preis am Liefervertrag mit seiner Brauerei vorbei. Und ich wurde darum gebeten, das Bier in meinem Wagen zu transportieren. Auf den Schülerpartys fotografierte ich die Gäste zur Veröffentlichung in meinem Magazin. So etwas wie Facebook oder Instagram gab es Anfang der 90er Jahre noch nicht. Die Fotoseiten mit kleinen Schwarz-Weiß-Bilder in Briefmarkengröße waren heiß begehrt. Das Anzeigenvolumen wuchs in gleichem Maße wie die Angriffe von Schulleitern und Elternvertretern. Mir, als Herausgeber des Blattes wurden, wegen meiner zahlreichen Kontakte zu Jugendlichen, böse Absichten unterstellt. Der Nachdruck einer Grafik aus dem Aufklärungsbuch Sexfront von Günter Amend von 1974 in dem schwarz-weißen Heftchen zur Illustration eines Berichtes über eine Sexaufklärungssendung des Südwestrundfunks, die zwei nackte Jugendliche zeigt, den Jungen mit erigiertem Glied unter der Überschrift „Jugend Forscht“, nahmen Direktoren, Elternvertreter und Staatsanwaltschaft zum Anlass, mir die Verbreitung pornografischer Schriften vorzuwerfen.

Das Buch gehörte mit der Abbildung zum Bestand der städtischen Jugendbücherei. Ich wurde vom Amtsgericht freigesprochen. Der Antrag des Jugendamtes, das Heft als jugendgefährdende Schrift zu indizieren, um damit eine weitere kostenlose Verteilung vor Schulen zu verhindern, wurde abgelehnt. In einer anstößigen SMS eines Schülers auf Kontaktsuche, die wie Leserbriefe mit der Absendernummer im Magazin veröffentlicht wurde, sah das Gericht eine Ordnungswidrigkeit und verhängte ein saftiges Bußgeld. „Einsame Banane sucht heißes Schlitzäffchen. Wer will an mir lutschen? Auch mit 16 Jahren bin ich noch nicht verschrumpelt. Mit meinem zuckersüßen Aroma möchte ich Dich gern verwöhnen“. Dass mich fast jeder Schüler in der Stadt kannte, dass sich tausende für ein ordentliches Eintrittsgeld auf meine Events drängten, erschien manchem Beschützer von Recht und Ordnung unvorstellbar, obwohl Gemeinderäte sich auf solchen Events während des Wahlkampfes in den Jugendmassen sonnten und diese Gelegenheiten für ihre Jugendnähe nutzten. Die Tageszeitung TAZ widmete meinem Magazin, den Events und den Bemühungen der Staatsmacht, mich zu zensieren, einen seitenlangen Bericht. Als Kandidat hielt der spätere Mannheimer Oberbürgermeister gern seine Grußworte zwischen Rap- und HipHop Wettbewerben, die den Events ein wenig mehr Charakter geben sollten, als wenn nur getanzt worden wäre. Und als Schulbürgermeister ließ er mich aus seinen Pressekonferenzen werfen, weil er Ärger mit seinen Schulleitern befürchtete, wenn meine Berichterstattung zu kritisch ausfallen würde. Dieses Spannungsfeld zwischen der Welt der Erwachsenen und dem Leben meiner jungen Leser und Gäste war sehr reizvoll. Es bot ausreichend Stoff für mein Blatt, in dem ich solche Widersprüche gern offen legte.

Wilhelm und Udo

Als absoluter Antialkoholiker, ich habe noch nie mehr Alkohol, als ein paar Tropfen Sekt verköstigt, trinke keinen Wein, kein Bier, keinen Schnaps und war deshalb auch noch nie betrunken, entwickelte ich für eine wenig frequentierte Diskothek das Party-Konzept Abi-Tanic „Saufen bis zum Untergang“ in Anlehnung der Schülerpartys zur Finanzierung von Abiturienten-Aktivitäten. Für zehn Mark Eintrittspreis gab es alle Getränke für eine Mark. Palettenweise holten sich die Gäste das Bier an ihre Tische. Mit diesem verlockenden Alkoholangebot kamen nicht alle Jugendlichen problemlos zurecht. Dass man Feiern geht um sich zu betrinken, ist nicht ganz ungewöhnlich. Dass diese Partys nicht völlig ausarteten, dafür sorgten Ordnungsdienst und Barpersonal. Wilhelm verließ die Party mit seinen Freunden ein wenig wankend, aber noch klar im Kopf. Trotzdem bot ich ihnen an, sie im Wagen mit zunehmen, und gesund vor ihren Haustüren abzusetzen. Wilhelm besuchte mich ein paar Tage später. Wir waren uns zuvor auch schon bei den beliebten Sonntagspartys in einer Tanzschule begegnet. Nach den Tanzstunden lud der DJ gern ein paar Schüler zu sich nach Hause ein.

Wilhelm lebte mit seinem etwas jüngeren Bruder Udo beim Vater, einem Gemeindepfarrer, und dessen neuer Frau samt zwei kleineren Geschwistern, denen die ganze Aufmerksam des Vaters galt. Das Verhältnis von Wilhelm zu seinen Vater war eher gestört. Über das, was ihn wirklich bewegte, konnte er mit seinem Vater nicht reden. Er berichtete mir davon, wie der Tanzschul-DJ ihm nach einer Hausparty einen geblasen hätte. Es war ihm unangenehm und er wusste nicht, mit wem er darüber sprechen konnte. Dass er keine sexuellen Beziehungen zu Männern suchte, wurde Grundlage unserer Freundschaft. Mit seinem breiten, offenen Gesicht, den kurzen, blondierten, abstehenden Haaren und seinen eher schmalen Lippen strahlte er viel Ruhe und Nachdenklichkeit aus. Mir gelang es ihm die Sicherheit zu geben, die er bei seinem Vater nicht spürte. Wenn er mit traurigen Augen aus dem Elternhaus trat, fingen diese spätestens, als er im Auto neben mir saß, an zu leuchten. Stress und Unzufriedenheit fielen von ihm ab. Bevor ich ihn abholte, notierte ich mir Zuhause auf kleinen Zetteln, was ich mit ihm besprechen wollte. Jemanden zu haben, über den ich mir Gedanken machen konnte und dessen Probleme ich gern mit half zu lösen, war mir immer sehr wichtig. In intensiven, vertraulichen Gesprächen zu ergründen, was einen Freund begeistert, ihn zerreißt und glücklich macht gibt mir Aufgabe und Lebenssinn. Wie es Herman van Veen einmal in einem Interview mit mir ausdrückte: „Wie soll ich mich satt fühlen, wenn neben mir Menschen hungern“. Wilhelm träumte vom Gitarrenunterricht, den sein Vater nicht gut hieß, seine Mutter ihm aber bezahlen wollte. Ich begleitete ihn zu einem mit mir befreundeten Gitarrenbauer und half ihm dabei einen Gitarrenlehrer zu finden. Ich fuhr ihn zur Gitarrenstunde oder wir trafen uns nach dem Unterricht. Vieraugengespräche im Auto haben eine ganz besonders intime Atmosphäre. Auch bei anderen Gelegenheiten holte ich ihn Zuhause ab oder brachte ihn heim. Aber wir trafen uns nie am Pfarrhaus. Sein Vater sollte nicht wissen, dass ich zu einem wichtigen Gesprächspartner für seinen Sohn geworden war. Auch als ich ihm einen Aushilfsjob im Büro eines befreundeten Konzertveranstalters besorgt hatte, sollte sein Vater mich nicht kennen lernen.

Zu seinem ein Jahr jüngeren Bruder Udo hatte Wilhelm kein gutes Verhältnis. Sie lebten nebeneinander her, wussten zu wenig voneinander und sprachen nicht darüber. Auch Udo kam mit seinen Freunden zu meinen Veranstaltungen. Und so setzten wir uns eines Abend zu dritt ans Rheinufer, wo die Brüder wieder zu Freunden wurden. Udo hatte sich ans Jugendamt gewandt, weil er es bei seinem Vater nicht mehr aushielt. Die Brüder vermissten jede Anerkennung und Zuwendung durch ihren Vater. Udo wechselte zur Mutter an den Bodensee. Nach einem halben Jahr besuchte ich ihn dort mit Wilhelm eine Woche in den Osterferien. Wilhelm hatte seine Mutter mehrere Jahre nicht mehr gesehen, weil das Verhältnis zwischen seinen Eltern nach der Scheidung nie richtig geklärt worden war. Seine Mutter sah unsere Freundschaft, die sie in ihrem Haus ganz konkret erleben durfte, als Bereicherung für ihre Söhne. Als wir uns nach einem Jahr nicht mehr so oft sahen, wurde Wilhelm zunehmend depressiver. Er trug nur noch schwarze Kleidung. Meistens einen dunklen Ledermantel, der ihm fast bis zu den Knöcheln reichte. Er verkroch sich in Gothic Metal Musik und reduzierte seinen Freundeskreis. Nur mit viel Alkohol konnte er seinen trüben Gedanken entfliehen. Noch vor dem Abitur suchte er sich eine eigene Wohnung, die er immer weniger verließ. Ganz aus dem Leben, von seinen Freunden zurückgezogen, veranlasste seine Mutter eine stationäre Psychotherapie nach deren Abschluss sich Wilhelm wieder im politischen Leben engagierte. Zu den Freunden und Freundschaften seiner Jugend fand er nicht mehr zurück. Diese würden ihn zu sehr an seine dunkle Vergangenheit erinnern, schrieb er mir mal in einem lieben Brief.

Christian

Beim Vorbereitungstreffen für eine Sommerfreizeit des Jugendferienwerkes in Rimini viel der jüngste Teilnehmer besonders auf. Christian wollte eine Kiste Pflümli für die Strandabende bei mir bestellen. Als Jugendleiter legte ich besonderen Wert auf das Vertrauen der jugendlichen Gäste. Genau so wenig wie ihre Eltern, konnte ich nicht jeden von ihnen Rund um die Uhr beaufsichtigen. Wenn sie sich besaufen wollten oder einen Dealer suchten, um Marihuana zu kaufen, war es mir lieber, dabei oder informiert zu sein, um sie vor Schlimmerem bewahren zu können. Ich wollte nicht, dass jemand alleine am Strand zurück blieb, wenn er nicht mehr zurück zum Hotel laufen konnte und hatte die Teilnehmer deshalb meistens im Blick. Christian musste schon am ersten Abend kotzen. Ich brachte ihn ins Hotel. Mit seinem Taschengeld kam er auch nicht aus. Er bat seinen Vater, sich von mir Geld leihen zu dürfen, was dieser mir nach dem Urlaub zurück bezahlte. So entstand nach der Freizeit eine Freundschaft. Christian suchte nicht nur bei der Ferienfreizeit den Kick im Alkoholgenuss. Seiner Mutter war es aus religiösen Gründen gelungen, ihn bis dahin vom Trinken abzuhalten. Sein älterer Stiefbruder dagegen lebte ihm ein exzessives Partyleben vor, in das Christian nicht langsam hinein wachsen konnte, sondern das ihn bei und nach der Italienfahrt ganz schön überfiel. Er rief mich nachts von Straßenfesten an und bat mich ihn abzuholen. Er konnte wirklich nicht mehr laufen. Sein Leben war geprägt von krassen Gegensätzen. Gewalt, Alkohol, Machogehabe und schwulem Sex. Ihm Grenzen aufzuzeigen und durchzusetzen war weder seinen Eltern noch mir als Reiseleiter gelungen.

Einmal warf er sich ein wenig angetrunken auf mein Bett und fing an sich selbst zu befriedigen. Christian zog mich zu sich heran. Seine Haut glühte. Als er mich umfasste bekam er sofort eine Erektion. In unseren Gesprächen hatte Christian immer von Frauen geredet, um die er sich bisher erfolglos bemüht hatte. Seine Annäherung überraschte mich. Er hielt mich fest in seinen Armen und schlief ein. Der Alkohol wurde immer mehr zu einem ernsten Problem für den jungen Mann. Er weckte in ihm unbekannte Gefühle, Aggressionen und Gewalt. Einmal schlug er mir beim gemeinsamen Sex mit einem Glasaschenbecher ins Gesicht, nachdem er gekommen war. Liebkosungen und Schläge wechselten sich ab. Wenn es ihm gefiel kommandierte er mich herum und hatte das Gefühl, über mich herrschen zu können. Wenn er glaubte, aus unserer Freundschaft Vorteile für sich zu ziehen, so ließ ich ihn gern in diesem Glauben. Denn natürlich war ich es selbst, der über mein Handeln bestimmte, und mich nur dann auf ihn einließ, wenn es mir genehm schien. Nach einer Party überfiel er betrunken mit seinen Freunden einen Spaziergänger im Stadtpark und verletzte ihn schwer mit einem Messer. Dank seiner Mutter, einer erfolgreichen Anwältin, wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Trotz seiner Widersprüche und des von Gewaltexzessen geprägten Lebens, oder vielleicht genau deswegen, arbeitete Christian nach der Schulzeit als Sicherheitsmitarbeiter, Türsteher und Veranstalter im Nachtleben, und nutzte dort seine Macht um mir den Zutritt in Diskotheken zu verwehren. Jahrzehnte später hörte ich von Bekannten, er hätte berichtet, von mir vergewaltigt worden zu sein. Warum er überhaupt von uns berichtet hatte, konnte ich nicht nachvollziehen. Wenn ihm die Beziehung so peinlich war, dass er sich als Opfer generieren musste, hätte er doch einfach schweigen können. Für mich sind Gewalt und Sex krasse Gegensätze. Zu Ficken, eine Frau oder einen Arsch, einfach nur zu ficken, auch mit Gewalt, kann ja durchaus ein Klischeebild von jungen Männern sein, das ich immer mal wieder erleben durfte. Aber mich macht Sex nur zufrieden, wenn ich meinen Partner dazu bewegen kann, mir seine Zärtlichkeit zu zeigen.

Nathan

Nathan gehörte zu den Gästen meiner Partys und half bei der Organisation. Er verteilte Flyer, verkaufte Eintrittskarten und war als Promoter öfter bei mir im Büro. Als er sich am Klavier versuchte um von mir beigebracht zubekommen, wie man Beethovens „Für Elisa“ spielt, bekam er eine Erektion, als ich ihm meine Hände auf seine Schultern legte, und seine Finger über die Klaviertasten führte. Im Umfeld meiner HipHop-Partys war Homosexualität ein völliges tabu. Jeder Junge wollte Gangster-Rapper sein. Um sich spüren zu dürfen, sich gefühlvoll zu umarmen, brauchte es eines äußeren Anstoßes. Wenn man sich für ein Partyfoto vor meine Kamera quetschen durfte, war alle Nähe erlaubt. Die Jungs fielen über sich her, umarmten sich wild und verloren jede Scheu vor Berührungen. Auch für den Kontakt mit Frauen waren Partyportraits hilfreich. Bei einem Event fotografierte ich einen schüchternen Schüler in Pärchenposen mit mehr als zehn verschiedenen Girls und veröffentlichte die Fotos nebeneinander auf einer Fotoseite im Magazin. Sich nach Aufforderung fürs Foto näher zu kommen, war ein Bestandteil der angenehmen Atmosphäre auf meinen Events, deren Gäste sich schon bei meinem Eintreffen zu Pärchen und Grüppchen vor meiner Kamera formatierten. Nathan kam bei nächster Gelegenheit unter vier Augen auf mich zu und fragte, ob ich ihm mit Sex für ein paar Euros helfen könnte, seinen Führerschein zu finanzieren.

Dass er so offen nach Intimitäten fragte, wunderte mich. Mit persischen Wurzeln, einer iranischen Mutter und einem abwesenden holländischen Vater zählte er sich den Menschen mit Migrationshintergrund zugehörig und hatte hauptsächlich türkische Freunde, die körperliche Nähe pflegten und Homosexualität verabscheuten. Aber ich hatte Nathan selten mit Mädels erlebt. Ihm war die Anerkennung durch mich, den Veranstalter und Herausgeber wichtiger als Ringelpietz mit Anfassen. Er half beim Plakatieren und Flyerverteilen. Dafür wollte er kein Geld. Aber um sich gegenseitig einen Runter zu holen hielt er eine monitäre Belohnung für angemessen. Wohl vor allem um schwulen Sex vor sich selbst zu rechtfertigen. Ich war überrascht, wie viel Gefühl Nathan in unsere Berührungen investieren konnte. Er fühlte sich in meinen Armen wohl und konnte die körperliche Nähe genießen. Er wollte sich öfter zu mir ins Bett kuscheln, als ich Zeit dafür hatte. Nach meiner Verhaftung wegen Abgabe von Cannabis, gab er unsere Geheimnisse nicht Preis. Er hatte keinen Anlass mich falsch zu beschuldigen. Er sah keine Notwendigkeit, Drogengeschichten zu erfinden, um von sich abzulenken, wie andere Freunde aus dieser Zeit. Nathan war mit sich und mit mir im Reinen. Sein Selbstbewusstsein bewahrte ihn davor, von der Mannheimer Kriminalpolizei mit leeren Drohungen aufs Glatteis geführt zu werden.

Lars

Bei kleineren Events half Christian gern als DJ aus. Er hatte gerade angefangen bei privaten Partys Musik aufzulegen. In einem kleinen Café gelang es ihm ganz gut, das junge Publikum zum rocken zu bringen. Mit ein paar Kumpels und seiner besten Freundin war Lars zum ersten Mal auf einer Schülerparty in der Stadt. Er schaute dem DJ ziemlich genau auf die Finger. Um eine Zigarette zu rauchen, gingen beide zusammen vor das Lokal. Dort kam ich mit Lars ins Gespräch. Eigentlich wollte er pünktlich nach Hause. Aber als es doch später wurde, erlaubten seine Eltern ihm, bei seiner besten Freundin zu übernachten, die ein Jahr älter und bereits Mutter einer Tochter war. Schließlich übernachteten beide bei mir im Gästezimmer und besuchten mich anschließend immer wieder gern, auch mit dem Baby, dessen Vater ein Schulfreund von Lars war.

Lars hatte ständig Stress mit seinen Eltern. Ob er sich beim Jugendamt über seine Eltern beschweren könnte, um in eine betreute Wohngemeinschaft zu kommen, frage er mich. Da konnte ich ihm keine großen Hoffnungen machen. Auch wenn die Eltern stressen, ist es bei ihnen im Dachzimmer eines Reihenhauses doch meistens angenehmer als im Heim. „Er könnte doch eine Weile bei mir Wohnen“. Das würden seine Eltern wohl kaum erlauben. Stattdessen kam er dann fast jeden Nachmittag vorbei und lernte weitere Jungs kennen, die sich nach der Schule gern bei mir zum chillen trafen. Bernhard, Marc und Kevin gingen auf eine Privatschule in der Nähe mit Ganztagesunterricht. Für mein Magazin war ich immer auf der Suche nach neuen Themen, über die ich schreiben könnte, und nach neuen Ideen für Jugendevents. Deshalb waren ihre Besuche eine willkommene Abwechslung in meinem Büroalltag. Lars war den von Privatschülern besonders begeistert, weil sie ein paar gute Kontakte in die Marihuana-Szene hatten. Sie rauchten gelegentlich Gras oder Haschisch und finanzierten sich den Genuss mit dem Verkauf geringer Mengen an Schulfreunde. Lars träumte vom Graffitisprühen, fing aber erst mal an mit Bleistiften und Kunstmarkern zu zeichnen, am liebsten mit einem Joint im Mund am geöffneten Fenster und viel Wodka-Energie im Kopf. Mit mir alleine fühlte er sich am wohlsten, dann konnte er mich alles fragen, was ihm auf dem Herzen lag. Auf dem Heimweg mit meinem Auto ließ er sich immer wieder bei einer Tante in der Nähe seiner Eltern absetzten, dort gab es immer was zu rauchen. Er konnte ganz gut mit Gras umgehen. Und wusste, dass er nicht zu oft Cannabis rauchen sollte. Sich selbst zu beschränken viel ihm leicht, weil er genug Alternativen hatte, die ihn ebenso begeisterten. Um seine Gras-Freunde und die Verwandtschaft zu schützen, behauptete er in einer polizeilichen Vernehmung nach meiner Festnahme wegen Drogenhandels, ich hätte ihm seit Monaten fast jeden Tag für hunderte Euros Dope geschenkt, um ihn anzulocken. Einen kleinen Joint am offenen Fenster zu rauchen, das hatte ich ihm erlaubt, und ich hatte ihn bei Verwandten abgesetzt, bei denen er sich Haschisch kaufen wollte. Vielleicht habe ich ihm auch mal ein paar Euros geschenkt oder geliehen. Das gehörte zu meiner selbstverständlichen Großzügigkeit. Schließlich habe ich von einem Jugendmagazin und Veranstaltungen gelebt, für die junge Leute mir Eintritt bezahlt haben. Aber Drogen zu verschenken? Das hatte ich wirklich nie nötig.

Bernhard, Kevin, Marc und Niels

Alkohol, Cannabis, sich mit flüssigen oder chemischen Substanzen in ferne Welten zu katapultieren hat mich nie interessiert. Drogen zu probieren, kam für mich nie in Frage. Meine Befriedigung, mein Glück und mein Wohnbefinden erzeuge ich mit Kreativität. Schreiben, Klavierspielen, ganz für mich alleine, und in dem ich andere Menschen im Leben weiter bringe. Bewerbern als Arbeitsvermittler einen Job besorgen. Freunde in eine Ausbildung vermitteln, die ihr Leben prägt. Sich um den Papierkram und die Finanzen von denjenigen zu kümmern, die es selbst nicht auf die Reihe bekommen. Und mit dazu beizutragen, dass sich junge Leute nicht ihr Leben mit Cannabis oder andere Drogen kaputt machen. Erfolgreich verbieten lassen sich Suchtmittel kaum. Aber sie zu reduzieren gelingt mit Vertrauen. Wer mich auf eine vierwöchige Reise durch Amerika begleitet, probiert vielleicht das legalisierte Gras in Kanada, aber denkt wochenlang gar nicht an Gras, weil die Landschaft, die Städte und die Menschen viel faszinierender sind. Mal ‘ne Tüte Blüten für Kiffer aufzubewahren und ihnen jeden Tag einen Krümel davon zu gönnen, schien mir ein gangbarer Weg, um zu verhindern dass sie sich jeden Tag nach der Schule wegbeamen. Auf die Idee, die Jungs könnten von der Kriminalpolizei dazu gedrängt werden, zu behaupten, dass ich ihnen die kleine Plastiktüte Gras, die sie mir für zwei Woche anvertraut hatten, und weitere Kilos geschenkt hätte, um mich bei ihnen beliebt zu machen, darauf wäre ich nie gekommen. Bis ich wegen der Abgabe von Cannabis vor Gericht stand. Dass jugendliche Grasraucher viel bessere Drogenkontakte haben als ein abstinenter Erwachsener, war Richtern und Staatsanwälten kaum beizubringen. 30 Jahre früher zur Zeit der sozialliberalen Koalition prägte der „Kein Knast für Hasch“-Aufkleber meine Schulsachen. Wolfgang Kubicki hatte sich in seinen ersten FDP-Tagen vor seiner politischen Karriere für die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen und sollte bei einer Podiumsdiskussion meines liberalen Jugendverbandes im Studentenkeller auftreten. Doch die Bonner Liberalen schickten lieber ihre konservative Generalsekretärin Adam-Schwaetzer.

Als erklärter Nichtraucher hielt ich mich lange von den Raucherecken fern. In der Schule, im Jugendzentrum, in Discotheken, Kneipen und Cafés wurde kräftig gequalmt. Doch irgendwann musste ich einsehen, dass die interessanteren Menschen in meiner Jugendzeit zu den Rauchern gehörten. Dass ich noch nie Alkohol getrunken und noch nie geraucht hatte, war immer ein guter Gesprächseinstieg und verschaffte mir bei vielen jungen Menschen einen besonderen Respekt. Als ich das Angebot des Vaters meiner ersten Freundin auf ein Bier und eine Kippe rundweg ablehnte, hat er mir seine Tochter umso lieber für den Abend anvertraut. Ich habe den Anspruch, meine Stimmung nicht mit pflanzlichen oder chemischen Stoffen aufzuheitern, sondern durch Kreativität, Schreiben, Klavierspielen, Veranstalten. Trotzdem kam ich mit Kiffern gut zurecht und empfand ihre Gesellschaft durchaus unterhaltsam, aber suchte nach Wegen, ihren Konsum zu reduzieren. Als Marc, Bernhard und Kevin mich baten, ein bisschen Gras für sie zu verwahren, bot ich ihnen an, es ihnen einzuteilen, und ihnen jeden Tag ein paar Krümel zu überlassen. So verteilte sich die kleine Plastiktüte Marihuana, die normalerweise an einem Nachmittag weggeraucht wurde, über zwei ganze Wochen.

Ich wusste, dass sich Bernhard jede Woche Gras bei seinem Vater holte, einem Algerier, der eine Gaststätte betrieb, den er aber nach der Scheidung seiner Eltern nicht mehr sehen durfte. Auf dem Heimweg habe ich ihn gelegentlich dort vorbei gefahren. Einmal kam Bernhard mit einem Kilo Gras in einer Plastikeinkaufstüte zu einem meiner HipHop Events, die er dann doch besser im Kofferraum meines Wagens versteckte, als sie an der Kleidergarderobe abzugeben. Bernhard verstand das Drogengeschäft. Er belieferte seine ganze Schule mit Cannabis. Die kleinen Packungen verkaufte er für das Doppelte seines Einkaufspreises. Vom Mengenrabatt konnte er für umsonst kiffen und für seine Kumpels blieb auch noch was übrig. Nach einem halben Jahr warf ihn die Privatschule raus. Er wechselte auf ein Internat am Bodensee und war nur noch alle paar Wochenenden mit seiner Clique unterwegs. Ich hatte ihn kurz zuvor bei Kevins Geburtstagsparty kennen gelernt. In einer polizeilichen Vernehmung wurde ihm mit Haftstrafe gedroht. Er wollte seine Lieferanten nicht verraten. Er wollte seinen Vater nicht belasten. Mich würde er seit ein paar Jahren kennen, sagte er aus. Eigentlich war es nur ein Jahr, und die Hälfte davon war er im Internat. Trotzdem konstruierte ein Staatsanwalt daraus den Vorwurf, ich hätte dem allseits bekannten Drogendealer eineinhalb Jahre lang jede Woche Gras geschenkt. Als ich deshalb in Untersuchungshaft kam, und ein Wochenende im Polizeigewahrsam verbringen durfte, tobten tausend Schüler keine hundert Meter weiter auf meiner letzten HipHop-Party in der Universitäts Mensa. Da die Abgabe von Cannabis an Minderjährige jeweils mit einem Jahr Haft belegt ist, wurden mir die 80 Einzelstrafen zu dreieihalb Jahren Haft zusammen gezogen. Es hätten auch sechs oder sieben Jahre werden können, wie mein Anwalt mir erklärte und mich so zu einem Geständnis zwang. Auch Lars, der seinen Bedarf bei Tante und Onkel deckte, dort hatte ich ihn immer wieder abgesetzt, erfand die Story, jede Woche von mir eine große Portionen Marihuana geschenkt bekommen zu haben. Mein Anwalt wollte das Gegenteil nicht beweisen. Meine fast täglichen handschriftlichen Briefe aus der Untersuchungshaft hat er gar nicht gelesen. Meine Eltern glaubten dem Gericht mehr als mir. Schulleiter und Elternbeiräte hatten den Verleger und Veranstalter endlich dort, wo es ihnen am liebsten war. Und die Gerüchteküche brachte die abscheulichsten Geschichten hervor, denen ich nicht entgegentreten konnte. Heute weiß ich, dass mir dreieinhalb Jahre in Stammheim und Bruchsal mit einem anderen Anwalt erspart geblieben wären. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, um mich selbst zu verteidigen.

Als kritischer Journalist mit eigenem Blatt war ich konservativen Kreisen schon immer ein Dorn im Auge. Am Sonntagmorgen von einem aufgebrachten CDU-Bundestagsabgeordneten am Telefon geweckt zu werden, kam öfter vor. Auch wenn mich die SPD Landtagsabgeordnete, ein Europaparlamentarier, der Mannheimer Oberbürgermeister und der spätere Karlsruhe Oberbürgermeister seit Jahrzehnten kannten, mich in ihrer Jugend auf Rockfestivals begleitet und Zuhause besucht hatten, war diesen Sozialdemokraten das Wort Solidarität unbekannt. Mein Ortsvereinsvorsitzender hatte mich kurz vor der Verhaftung gewarnt. Er wurde später Staatssekretär im baden-württembergischen Integrationsministerium. Alle wussten, dass die Vorwürfe haltlos sind. Sich der öffentlichen Meinung entgegen zu stellen, dazu fehlte ihnen der Mut. Zu gut passte meine Geschichte in die gängigen Klischees. Alter schwuler Sack verführt die Jugend der Stadt mit gefährlichen Drogen. Ganz wie der Rattenfänger von Hameln. Nach solchen Stereotypen fällt die Mannheimer Justiz im 21. Jahrhundert ihre Urteile. Wäre ich eine engagierte Mutter, die Jugendevents veranstaltet und einen großen Freundeskreis unter den jungen Besuchern hat, wäre wohl kein Staatsanwalt auf so eine verrückte Anklage gekommen.

Niels war bei Bernhard auf der Schule. Er prahlte damit, wie er seine bildhübsche und ein Jahr ältere Model-Freundin auf seinem gläsernen Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer geknallt hatte. Die wenigen Schritte bis zu seinem Himmelbett ins Schlafgemach zu gehen, waren seinem Drang dann doch zu weit. Niels stammte aus einem besonders begüterten Elternhaus. Vater Hotelier mit mehreren Restaurants, seiner Mutter gehörte ein Weingut. Gemeinsam sammelten die Eltern als Vermögensverwalter Millionen. Eine schicke Villa mit Swimmingpool war sein Zuhause. Bargeld aus den Kassen der verschiedenen Hotels und Restaurants lag Zuhaue immer herum, und es viel kaum auf, wenn sich Niels etwas davon stibitzte. Er war so behütet aufgewachsen, dass sich seine Eltern schlicht nicht vorstellen konnten, auf welche krumme Gedanken und verrückte Ideen ihn sein neuer Freundeskreis bringen würde, den er auf meinen Events kennen gelernt hatte. Außer Hausarrest kannten die Eltern kaum ein anderes Erziehungsmittel. Dann ließ Niels seine Fans aus den sozialen Brennpunkten der Stadt aufmarschieren, die sich immer gern vom Kleingeld seines Vaters aushalten ließen. Die Meute seiner neunen Freunde, die mit unerwartet ungepflegt und vulgärem Geschrei vor dem Eingang der Villa lautstark nach dem Ende des Hausarrestes verlangten, empfanden seine Eltern wirklich bedrohend.

Wenn er um zehn brav zu Bett gebracht war, entschwand er kurz darauf durch die Kellertür aus der weitläufigen Villa und tauchte auf meinen Veranstaltungen auf. In Sorge um sein Wohl, und um irgendwelchen Blödsinn auf nächtlichen Straßen zu vermeiden, fuhr ich ihn mit anderen Gästen und Mitarbeitern auch mal nach einer Schülerparty früh am Morgen nach Hause. Schließlich verbrachte er ganze Nächte bei einem gleichaltrigen Freund und bat mich aus Angst vor Stress und Schlägen bei seinen Eltern ein gutes Wort für ihn einzulegen. Sein Vater hatte vor dem Kamin am einen Ende der Salonflucht Platz genommen, seine Mutter am anderen, und so versuchten die Eltern ihm im Gespräch näher zu kommen. Zur Poolparty an seinem Geburtstag luden mich die Eltern ein, um ein wenig auf das jugendliche Publikum zu achten, während sie ihren gastronomischen Verpflichtungen nachgingen. Doch die Konflikte eskalierten. Niels tauchte kaum noch Zuhause auf. Die Eltern wandten sich zur Unterstützung an eine psychotherapeutische Klinik. Ich konnte Niels davon überzeugen, sich dort mit seinen Eltern zum Gespräch zu treffen, mit dem Versprechen, dort nicht eingewiesen zu werden. Jugendliche, die gelegentlich mal vor ihren Eltern flüchten, gleich in die geschlossene Psychiatrie zu sperren, erschien mir unwahrscheinlich.

In diesen Tagen vor meinem nächsten HipHop Event, für den schon über 1000 Eintrittskarten verkauft worden waren, kümmerte ich mich um Denis, einen obdachlosen Jungen, der vom Krieg in Bosnien traumatisiert war und organisierte ihm einen Nebenjob als Flyer-Verteiler bei einer Modeboutique. Ohne Hoodie und winterfeste Jacke tat mir der frierende Junge echt Leid. Mit entsprechendem Rabatt der Boutique kleidete ich ihn warm ein. Dass sein Kumpel Aram, ein stadtbekannter Stricher, ihm die Klamotten einfach weggenommen hatte, gefiel mir gar nicht. Mehrfach hatte ich seine Freier dem Sicherheitspersonal im größten schwulen Club der Stadt gemeldet, als ich ihn dort auf dem Boden in den Toiletten liegend gefunden hatte. Dort ging er nicht nur seinen Geschäften nach, sondern ließ sich auch mit Koks, Ecstasy und Amphetaminen versorgen. Im blinden Vertrauen, die örtliche Polizei würde mir dabei helfen, den von mir spendierten Hoodie und die Jacke zurück zu bekommen, klingelte ich bei Aram. Im Flur am Kleiderhaken konnte ich mir die Jacke schnappen. Den Hoodie wollte er nicht heraus rücken, deshalb rief ich die Polizei. Dafür revanchierte sich der junge Mann mit der Behauptung, ich wäre sein Dealer und würde ihn zum Drogenverkauf in den Club schicken. Diese Falschaussage reichte für einen Haftbefehl. Meine Wohnung, meine Freunde, und alles, was mir im Leben wichtig war, würde ich für lange Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen, wegen einem Hoodie für 100 Euro.

Niels war in der Psychiatrie. Mein Versprechen konnte ich nicht halten. Dort wurde er auf Drängen seines Vaters von einem befreundeten Kriminalkommissar vernommen. „Ich habe gedacht, dass ich ihm wichtig wäre, weil er sich um mich gekümmert hat, wenn ich Stress Zuhause hatte“, gab Niels enttäuscht zu Protokoll. Ich hatte ihn nicht vor der Einweisung in die geschlossene Psychiatrie des Zentralinstitutes für Seelische Gesundheit bewahren können. Der Beamte las Niels aus den Aussagen von Aram vor, nach denen ich ihnen ein Angebot zu gemeinsamen sexuellen Handlungen unterbreitet haben soll. Als er von Zuhause weggelaufen war, weil ihn seine Eltern in ein Internat stecken wollten, durfte er sich mit seiner Freundin bei mir treffen. „Ich hab mir ein paar Flaschen Limonaden-Bier genommen, und mit meiner Freundin gefeiert“, erzählt Niels, bis Aram zurückkam. „Dann haben wir zusammen gekocht, meine Freundin später nach Hause gefahren und im Gästezimmer übernachtet“. Mitten in der Nacht haben die beiden mich geweckt, weil sie nicht schlafen konnten. „Er hat einen Wirtz über meine Freundin gemacht, die mir anscheinend zum Einschlafen fehlen würde, und im Spaß gemeint, wir hätten ihn doch wohl kaum aufgeweckt, um bei ihm ins Bett zu kriechen“.

Nach ein paar Tagen Gehirnwäsche in der geschlossenen Psychiatrie, sah Niels mich kritischer. Man hatte ihn umgedreht. Seit er mich kennen würde, hätte er den Kontakt zu seinen Eltern verloren, weil ich ihm angeboten hatte, dass er sich mit seinen Problemen immer an mich wenden könnte. Er hätte den Hausarrest und das Fernsehverbot nicht mehr akzeptiert. Deshalb wäre das Verhältnis zu seinen Eltern immer schlechter geworden. „Ich habe mittlerweile kaum noch Respekt vor Ihnen. Meine Eltern halten mich für schwer oder gar nicht mehr erziehbar, weshalb mein Vater meine Einweisung in eine Heilanstalt erzwungen hat“. In seinem Kampf um die Loyalität seiner Eltern und die Durchsetzung seiner eigenen Interessen gab ich einen passenden Gegner ab, um das familiäre Wohlgefallen mit Unterstützung habilitierter Psychotherapeuten wieder herzustellen.

Inzwischen hatte unser Land einen schwulen Außenminister. Der Gesundheitsminister bekennt sich zur Männerliebe. Homosexuelle dürfen heute heiraten. Aber wenn ein erwachsener Mann zu viele Jugendliche kennt, nicht in der Kirche, nicht in der Schule, draußen, auf der Straße, sich Jugendliche mit Begeisterung an seine Spuren heften, Eintritt bezahlen für Events, weil sie sich ernst genommen und wohl fühlen, dann unterstellt die Staatsmacht, Polizei, Justiz, Staatsanwälte und Richter unlautere Motive und argumentieren mit alten Vorurteilen, weil in ihren Augen nicht sein kann, was nicht sein darf. Kriminalbeamte schwingen sich dazu auf, Falschaussagen von Jugendlichen zu erpressen, Oberbürgermeister wollen ihre Stadt reinwaschen und Politiker vergessen nach der Wahrheit zu fragen.

Mein Vater ist den Fantasien der Justiz gefolgt. Er konnte mir noch nie Glauben schenken. Heute hätte ich mir gewünscht, dass er einmal ohne auf seinen Ruf, sein Ansehen, seine Reputation als Professor zu achten für mich gekämpft hätte, um mir dreieinhalb Jahre Knast zu ersparen. Als mich die Nachricht von seinem Tod aus dem Mund des Justizangestellten erreicht hatte, konnte ich ein paar Tränen nicht verbergen. Seiner Beerdigung mit mehreren Tausend Trauergästen musste ich fern bleiben. Die baden-württembergische Justiz hatte keine Personalkapazitäten, um mich in Handschellen an der Zeremonie teilhaben zu lassen. Ich sollte noch weitere 12 Monate als Schwerverbrecher behandelt werden, um mit Endstrafe ohne Bewährungszeit, ohne Bewährungsauflagen, in mein freies Leben entlassen zu werden.

Der Knast hat mein weiteres Leben geprägt. Alpträume gehören zum täglichen Dasein. Auf meinen Fotoreisen in aller Welt kann ich die Qualen, Demütigungen und die tägliche Willkür der deutschen Justiz vergessen. In Stammheim habe ich ein Gefühl dafür bekommen, warum die Rote Armee Fraktion bis heute einen Platz in den Geschichtsbüchern hat. Von den Freiheiten, die Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin dort hatten, können Inhaftierte heute nur träumen. Weil ich nicht auf Kommando urinieren konnte, wurde ich als potentieller Drogenkonsument vom Musizieren, Klavierspielen und dem Gottesdienst ausgeschlossen. Dass sich der Hinweis in meiner Akte niemals selbst Drogen konsumiert zu haben auf jeder zweiten Seite wiederholte, beeindruckte die Justizbeamten nicht. Im Bruchsaler Hochsicherheitsknast saß RAF Terrorist Christian Klar bei der täglichen Arbeit mir wortlos gegenüber. Er sprach mit keinem. Gemeinsam pulten wir gelbe Schaumstoffreste aus den Plastikdüsen von Johnson Controls, damit sie wieder als Schaumspritzen in der Automobilzubehörindustrie eingesetzt werden konnten. Meine Jugendfreundin hatte damals für Christian Klar geschwärmt. Bei einem Interview mit Klaus Lage hatte ich seinen Manager Dieter Dehm in den 80er Jahren wieder getroffen, der mir noch als Jugendpressevertreter aus den 70er Jahren bekannt war. Christian Klar sollte später im Büro des linken Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm einen Job bekommen. Die Welt ist klein.

Nach zwei Jahren Haft sah ich bei einem Freigang zum ersten Mal meine Wohnung wieder, die meine Eltern in der Zwischenzeit untervermietet hatten. Niels wollte sich unbedingt mit mir treffen. Er fürchtete wohl, seine widersprüchlichen und falschen Aussagen könnten ans Licht der Öffentlichkeit gelangen, wenn ich nicht mehr eingesperrt wäre. Das war sein Ziel, als er mich in der Stadt am Rande eines Vorstellungsgespräches aufsuchte, um dem mit ihm befreundeten Kommissar berichten zu können, dass ich ihn bei der Begegnung bedroht hätte. Das Gegenteil war der Fall. Ich hatte ihm versichert, über seine Aussage Stillschweigen zu bewahren, weil er von seinen Eltern und der psychiatrischen Klinik zu frei erfundenen Vorwürfen gedrängt worden war. Seinen falschen Anschuldigungen habe ich ein weiteres Jahr Haft zu verdanken. In der Haft gibt es keinen Rechtsstaat. Kaum war ich nach dreieinhalb Jahren zurück in meiner Stadt, stand Niels mit einem Anwaltsschreiben und einem bodygebildeten Drogendealer, dem ich beim Rundendrehen im Sport-Hof des Bruchsaler Gefängnisses immer wieder begegnet war, vor meiner Tür und verlangte die Löschung seiner Bilder von den Internetseiten meines früheren Jugendmagazins, auf die er einst so stolz gewesen war.

Während draußen heftig über Rauchverbote gestritten wurde, entsprechende Regelungen zum Schutz der Nichtraucher im Bundestage und den Landesparlamenten Eingang in die Rechtsprechung fanden, kümmerte das die Justizvollzugsanstalten wenig. Zurück aus dem Freigang wurde mir ein starker Raucher in meine Einzelzelle im dritten Obergeschoss gelegt. Die Strafe sollte uns beide treffen. Der stark asthmatische Kleinkriminelle rauchte eine Zeitungspapierkippe nach der anderen, obwohl es ihm der Arzt verboten hatte. Ich litt unser seinen Hustenanfällen und dem Gestank. Er konnte sich die drei steilen Treppen in den Hofgang kaum herunter quälen. Als ich mich freundlich an die Anstaltsleitung wandte, den Patienten vielleicht im Erdgeschoss einzuquartieren, bekam ich zur Antwort, man habe ihn extra zu mir gepackt, um ihm die Qualmerei zu verleiden. Nach einem halben Jahr durfte ich wieder in den Freigang. Draußen arbeiten, im Knast übernachten. Mit der Auflage, einen Bogen um meine Stadt zu machen. Um Niels, dem falschen Zeugen, nicht zufällig zu begegnen, durfte ich meine Wohnung immer noch nicht betreten und meine Freund nicht sehen. In Heidelberg arbeitete ich in einem Call Center. Um auch mal einen Anruf von Eltern und Freunden entgegen nehmen zu können, hatte ich mir ein Handy an den Arbeitsplatz gelegt, das über Nacht in einem Postfach am Heidelberger Hauptbahnhof blieb. Handys mit in die Anstalt zu nehmen war streng verboten. Überhaupt ein Handy zu besitzen war im Freigang verboten, weil die Gefahr bestehen könnte, das Mobiltelefon würde einen Weg über die Mauer in den Hochsicherheitstrakt finden. Mein Handy am Arbeitsplatz im Call Center war der Grund für ein weiteres Jahr im Hochsicherheitsknast. Dreieinhalb Jahre bis zur Endstrafe.

David

Nach dreieinhalb Jahren Haft, hatte sich das Publikum in meiner Stadt noch stärker in Feinde und Fans gespalten, die sich auch früher schon aggressiv gegenüberstanden und so manchen Aufruhr angezettelt hatten. Musste ich mich früher vor einem Zehntel der Straßenpassanten in Acht nehmen, während mir neun Zehntel freundlich entgegen traten, hatte sich das Verhältnis jetzt geradezu umgekehrt. Es war nicht nur deutlich schwieriger geworden den Feinden auszuweichen. Von Lehrern aufgehetzte Schülerhorden jagten mich durch die Straßen, während sich gleichzeitig Jungs vor meiner Haustür wartend versammelten und danach fragten, was sie denn bei mir mit Sex verdienen könnten. An einem Sonntagmittag rief mich ein Abiturient an. Ich sei doch pädophil, meinte er, was dieser Begriff wirklich bedeutet, ist nur den wenigsten Menschen klar, dass es dabei um Missbrauch von noch nicht geschlechtsreifen Menschen geht. Er wollte mich unbedingt treffen. Ob ich ihn abholen könnte. Als er nackt neben mir im Bett lag, sagte er bescheiden, „vielleicht bin ich ein bisschen kräftig gebaut“. „Das macht gar nichts“ antwortete ich. Er genoss unsere gemeinsamen Zärtlichkeiten. Strahlte mich an, nachdem er gekommen war. Und lag mit begeistertem Gesichtsausdruck in meinen Armen. Er wollte in den nächsten Tagen unbedingt wieder vorbei kommen. Sein zur Realität gewordener Traum passte aber nicht in sein Leben. Er ging nie mehr ans Telefon.

Als Party- und Eventfotograf lernte ich eine Clique aus der Vorstadt kennen, die meistens im Grünen abhing. Dort traf ich die Jungs fast täglich nach meiner Arbeit als Dozent in der Erwachsenenbildung. David, der die Jungs aus der Clique kannte, sprach mich einfach bei McDonalds an. Er würde mich gern kennen lernen und „mal bei dir schlafen“, wie er es ganz einfach so ausdrückte. Er hatte schon länger eine feste Freundin. Trotzdem ging er gelegentlich in den Puff und hatte schwule Erfahrungen mit einem Betreuer aus seiner freireligiösen Gemeinde. In unserer ersten Nacht kuschelte er sich mit seiner samtigen Haut an meinen Bauch. Streichelte sanft meinen Rücken und meine Beine. Sein schmales Gesicht mit den kurzen blonden Haaren nahm mich gefangen. Als ich auf dem Rücken lag strecke er sich auf mir aus. Bauch an Bauch, Schwanz an Schanz, Beine über und nebeneinander. So konnte ich seinen Hals mit meinen Händen umfassen und ihm genüsslich jeden einzelnen Wirbel massieren. Mit meinen Klavierfingern drückte ich gefühlvoll in seine Halsmuskeln und strich langsam über seinen Rücken zum Becken. Am Po wollte er nicht angefasst werden. Dafür kitzelte und streichelte er mich am ganzen Körper umso mehr. Das angenehme kribbeln ließ meinen Schwanz größer und steifer werden. Als er mit seinen schmalen Fingern über meine Eichel glitt, erregte mich das noch mehr. Aber ich konnte meinen Samen zurück halten. Gemeinsam strichen wir über unsere Schwänze. Wir lagen auf dem Rücken. David hatte seine Schultern auf meine Brust gelegt und seinen Kopf an mein Gesicht fallen lassen, so dass unsere Lippen sich berühren konnten. Mit meiner rechten Hand erreichte ich seinen Schwanz und schob die Vorhaut von seiner Eichel. Da ich aus gesundheitlichen Gründen als Kind beschnitten wurde, genügten feinste Berührungen seiner Finger um mich zum Höhepunkt zu treiben. Wir kamen beide zusammen und fielen uns entspannt in die Arme.

Als David im vorausgegangenen Herbst mit seiner Freundin im Urlaub war, ist seine Mutter von Zuhause ausgezogen und hatte sich von seinem sehr religiösen Vater getrennt. Davids Sexfantasien standen im krassen Gegensatz zur Moral seiner Gemeinde, auf die er seit seiner Kindheit eingeschworen worden war. Vielleicht öffnete diese Neugier außergewöhnliche Wünsche. Er wollte kein Geld. Er wollte es ausprobieren und fand Gefallen an mir, meinen Berührungen und unserem Sex. Aber dafür wünschte er sich als Revanche einen Besuch im Bordell. Nicht nur einmal durfte ich ihn Mitten in der Nacht Zuhause abholen für eine Stunde bei mir und eine Stunde im Puff. Sein Vater fand ihn dann am nächsten Morgen wieder brav im Bett und schöpfte keinen Verdacht. Von solchen Ausflügen hielt ihn auch nicht der Besuch eines Kumpels ab, der bei ihm übernachtete, während er bei mir war, und der von seinen Sexausflügen nichts ahnte.

David war nach dem Verschwinden seiner Mutter nicht mehr regelmäßig zur Schule gegangen und so nacheinander von mehreren Schulen geflogen. Im Berufsgrundbildungsjahr versuchte er den Hauptschulabschluss nachzuholen. Das gelang ihm ganz gut, weil er der einzige Schüler war, der regelmäßig am Unterricht teilnahm. Ich half David eine Ausbildung zu finden und verschickte seine Praktikumsbewerbungen an mehrere Sanitärbetriebe. Zu den Vorstellungsgesprächen begleitete ich ihn. Bei einem Handwerksbetrieb, nicht sehr weit von der Wohnung seines Vaters, bekam er eine Lehrstelle. Er schloss die Ausbildung mit sehr guten Noten ab und arbeitet seit vielen Jahren im selben Betrieb. Seinen Führerschein wollte er unbedingt mit 17 machen, und trug mich als begleitenden Fahrer in seine Papiere ein. Neben der Ausbildung arbeitete er abends ein paar Stunden in einer Pizzeria. Dort holte ich ihn oft nach Feierabend gegen Mitternacht ab, und brachte ihn nach Hause. Wir sprachen fast täglich über die kleinen und großen Probleme des Lebens. Dabei wuchs unsere Freundschaft.

Wir folgen zusammen ein Wochenende nach Wien. Wegen den berühmten Bordellen, wegen unserem Sex und dem Prater. An Weihnachten lud ich ihn zu meiner Mutter ein. Er hatte Weihnachten noch nie erlebt. Die Zeugen Jehovas hatten es verboten. Ich liebe Weihnachten. Es gibt nichts Schöneres als sich Geschenke auszudenken, sie zu verpacken und zu übergeben. David hatte zwei Wohnungskatzen. Ich bastelte ihm ein Katzenbuch mit Fotos aus dem Internet. Er liebte die Hörspiele der Drei Fragezeichen. Wir waren nicht nur beim Livekonzert sondern er fand natürlich die neusten CDs des Trios unter dem Weihnachtsbaum. Ihm eine Stereoanlage zu schenken, wäre viel zu profan gewesen. Er brauchte Verstärker und Boxen für seinen Computer, mit denen man auch ordentlich Musik hören konnte. Die Anlage mit Bass, Hochtönern und vielen Kabeln wurde in zehn einzelne Päckchen geschlungen. Das Auspacken sollte doch möglichst spannend sein. Aus dem halben Jahr, seit wir uns kannten, waren mir noch ein paar andere Geschenke im Kopf geblieben, die ich ihm frühzeitig besorgt hatte, und die sein erstes Weihnachten zum außergewöhnlichsten Ereignis seines Lebens machen sollten. In Vorfreude auf die Damen der Reeperbahn flogen wir ein paar Tage nach Hamburg. Dort stand natürlich auch ein Besuch im Miniatur-Wunderland auf dem Plan. David hatte sich viele Bedürfnisse aus seiner Kindheit bewahrt und nahm auch später an exklusiven Rundreisen zu den europäischen Freizeitparks teil. Die Amsterdamer Prostituierten waren noch attraktiver als die Hamburger. Besuche in Coffeshops sorgten für Lachflashs. Wir fuhren stundenlang durch Amsterdam, er mit einem Joint zwischen den Lippen, ich ohne, aber dabei lachten wir uns beide herzzerreißend kaputt. Davids Fantasie ging mit ihm durch. Zum krönenden Abschluss des Hollandbesuches durfte er in einer Paintball-Anlage mit bunten Farbpatronen auf Mitspieler schießen. Ich half David beim Umzug in eine eigene Wohnung. Als er sich in die Arme einer festen Partnerin begab und das Interesse an den Bordellbesuchen verlor, trennten sich unsere Wege. Seine Mutter hatte auch wieder Kontakt zu ihm aufgenommen.

Von seinem Sex mit Prostituierten erzählte David, wie ihn Gesichter und Körper der Frauen geil machten. Er fickte wie ein Wilder, benutzte die Frauen für seine Befriedigung. Bei mir war er gefühlvoll und zärtlich. Mit mir wollte er kuscheln und massiert werden. Mit Lehrlingslohn und Nebenjob hätte er die wöchentlichen Bordellbesuche auch selbst bezahlen können. Aber ihn reizte die Kombination aus meiner Ejakulation und dem harten Koitus mit weiblichen Körpern. Um eine passende Partnerin in den heimischen Laufhäusern, dem Amsterdamer Rotlichtviertel oder der Hamburger Reeperbahn zu finden, ließ er sich viel Zeit. Er suchte das Gespräch mit den Damen und ließ sich umgarnen. Schöne, junge Menschen gehören dort nicht zur Stammkundschaft.

Mirko

Nach einer Geburtstagsfeier bat mich Mirko ihn mit in die Stadt zu nehmen, und fragte mich im Auto ganz unverblümt, was ich ihm denn für Sex bezahlen würde. Mirko galt als Frauenstecher. Nach jeder Party hatte er eine neue Freundin, mit der er meistens im Bett landete. Auch ein kurzer Fick auf der Straße war für ihn nicht ungewöhnlich. Warum hat er Interesse an einem älteren Mann? Länger als zehn Jahre trafen wir uns fast monatlich. Zwischendurch hatte er auch mal längere Partnerschaften mit Frauen. Er legte sich gern entspannt in meine Arme, um sich durchkneten zu lassen. Er genoss es intensiv umarmt und gekitzelt zu werden. Mit mir war der Sex viel entspannter, als die Bedürfnisse seiner Frauen erfüllen zu müssen. Er wollte dem Leistungsdruck in seinen Frauenbeziehungen immer wieder gern entfliehen. Natürlich durften seine Kumpels nichts davon erfahren, denn auf sein Image als sportlicher, tätowierter, heterosexueller Liebhaber legte er großen Wert. Im Bett mit mir konnte er seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Er genoss Streicheleinheiten ohne die Erwartungen seiner Partnerinnen erfüllen zu müssen. Gemeinsam bewegten sich unsere Körper zu ekstatischen Höhepunkten. Unser gemeinsamer Sex war für ihn wohl eine etwas andere Form der Selbstbefriedigung, der er sich sonst fast jeden Tag mehrmals hingab. Über die lange Zeit unserer Freundschaft lernten wir nicht nur, uns unsere körperlichen Wüsche gegenseitig offen anzuvertrauen, sondern auch unsere Körper und ihre empfindlichen Stellen sehr genau kennen.

Für Mirko konnte es nichts Angenehmeres geben, als dort massiert zu werden, wo die Wirbelsäule auf das Becken trifft. Das trieb ihn zum Höhepunkt. So zärtlich zwischen den Beinen streicheln wie Mirko, konnte mich kein anderer Partner. Sein Versuch mir einen zu Blasen scheiterte an einem Mund voll Spucke. Dabei fühlte sich Mirko gar nicht wohl. Dass andere Jungs fast nichts anderes wollten als meinen Schwanz zu lutschen, und auf die eigene Ejakulation gar keinen Wert legten, konnten wir beide nie verstehen. Unsere Höhepunkte lebten von der Intensität und der Weite beim Abspritzen. Dabei kam Mirko nie so weit wie ich. Aber er war damit zufrieden, wenn ihm das Sperma dickflüssig aus der Eichel tropfte. Ich hatte gelernt den Orgasmus so lange zu verzögern bis Lusttropfen meinen Samen so flüssig gemacht hatten, dass er mir bis über die Haare spritzte. Davon waren viele junge Freunde fasziniert.

Unsere Körper bebten im Gleichklang. Er verstand es wie kein anderer Partner so zart über meinen Bauch, meine Beine, Schwanz und Hoden zu streichen. Seine Arschbacken zu massieren versetzte ihn in Glücksgefühle. Kein Neid, keine Eifersucht, keine Treue, unsere Freundschaft war so unkompliziert und einvernehmlich, wie schwule Beziehungen nie sein könnten. Ich nahm es mir zur Aufgabe, ihn die Befriedigung spüren zu lassen, so wie er sich bemühte, mich zu befriedigen. Dieses Wechselspiel, jeder von uns gab und nahm in gleichen Dosen, hielt uns lange zusammen. Weder entspreche ich aktiven noch passiven Schwulenklischees. Ficken stand nie auf unserer Tagesordnung. Weder wollte ich ihn ficken, noch von ihm gefickt werden. Dafür überließ ich ihn seinen Frauen. Auch wenn Sex für manchen Homosexuellen erst mit dem Eindringen anfängt, kann ich darauf verzichten. Dafür sind mein Glied und mein Arsch nicht gebaut.

Wenn er von der Beziehung mit einer Freundin enttäuscht war, meldete er sich gern zum Trost. Wenn ihn seine Mutter vor die Tür gesetzt hatte, suchte er meine Zuneigung. Wenn er völlig kaputt, fertig, müde und hungrig war, stand der vor meiner Tür. Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, hatte er nie gelernt. Mit seinem Geld klar zu kommen, viel ihm sehr schwer. Zwischen seinem Vater, der ihn durch eine neue Familie, eine Partnerin mit eigenen Töchtern in Mirkos Alter, ersetzt hatte und seiner Mutter, die ihren erwachsenen Sohn schlug, suchte er eine Zuflucht um sich zu entspannen. Er machte es seinen Freunden, Freundinnen und Verwandten nicht einfach ihn zu mögen. Soviel Geduld, wie er bei mir erleben konnte, brachte ihm sonst niemand entgegen. Trotzdem wurde er mir gegenüber auch einmal gewalttätig und versuchte mehr Geld zu erpressen, als vereinbart war. Wie ein kleines Kind setzte er sich heulend vor meine Wohnungstür, als ich mich auf seine Eskapaden nicht mehr einlassen wollte. Öffentlich wollte er sich nie so schwach zeigen. Andere Besucher schreckten ihn auf und beendeten seine infantilen Spielereien sofort. Mit den Jahren verlor er seine Ehrlichkeit. Arroganz, Selbstsucht und Egoismus wuchsen in unerträglichem Maße. Interesse an anderen Männern hatte er keine. Das hätte mich gar nicht gestört, sondern unseren gemeinsamen Erfahrungsschatz eher erweitern können. Sex und Geld gehören für Mirko leider eng zusammen. „Geld macht mich geil“, sagte er nicht nur einmal. Auch wenn er mir oft sein Herz ausschüttete und wir uns ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, sorgte seine Art, kurz vor dem Höhepunkt auf ein paar Scheine mehr zu drängen, für unangenehme Auseinandersetzungen, die unserer Freundschaft nicht würdig waren. Hochmut und Unterwürfigkeit, Überzogene finanzielle Forderungen wechselten sich ab mit tiefer Trübsal und bescheidenem Flehen. Das wurde mir nach so vielen Jahren irgendwann zu stressig.

Damian

Um die Möglichkeiten meines neuen Fotostudios auszuprobieren, bot ich kostenfreie Schwarz-Weiß-Portraits in Quadratform an und hatte jedes Wochenende ein paar Jungs zu Gast, die sich für ihre sozialen Netzwerke fotografieren lassen wollte. Damian kam über ein paar Jahre regelmäßig im Studio vorbei. Der schmächtige, zarte Junge mit albanischen Wurzeln hatte sehr konkrete Vorstellungen für seine Portraits. Gern stellte er einen krassen Gegensatz zwischen seinen femininen Gesichtszügen und einer Spielzeugpistole her, die er scharf abgebildet auf den Fotografen zielend in seinen Händen hielt, während sein Gesicht in der fotografischen Unschärfe versank. Er setzte seine Weichheit gern und oft in den Gegensatz zu den Bildmotiven, mit denen er sich hart darstellen wollte. Im Abstand von ein paar Monaten frage er wieder und wieder nach neuen Fotos, so dass zwischen und ein Vertrauensverhältnis wuchs, bis er begann von einem sexuellen Erlebnis mit einem älteren Mann zu berichten. Seine beste Freundin und sein Beruf als Friseur passten gut zu dieser Persönlichkeit. Vielleicht entsprach er dem passiven schwulen Klischee. Seinem schmalen, zarten Körper hatte der große Schwanz des muskulösen Partners eine ihm bisher unbekannte Befriedigung verschafft. Er fragte mich, ob ich ihn ficken würde. Die Sexualität von Damian blieb mir immer ein Rätsel. Ja, er frage auch mal nach Geld und legte mir Kopien unbezahlter Handyrechnungen vor. Aber davon war er nicht getrieben. Kontakt zu Schwulen war in seiner Familie und in seinem Freundeskreis unvorstellbar. Selbst zum Höhepunkt kommen wollte er nie, wenn er mir einen geblasen hat. Seinen Schwanz sollte ich nicht anfassen. In den Genitalien waren ihm Berührungen eher unangenehm, dafür saugte und lutschte er mich ohne Unterlass. Er war auf der Suche nach einem kräftigen, aktiven Partner, traute sich aber nicht dafür die einschlägigen Apps zu nutzen. Um sich offen schwul zu präsentieren, war das dafür nötige Selbstbewusstsein in ihm noch nicht gereift.

In unzähligen Chatnachrichten mit der immer selben Frage, ob ich eine Rechnung für einen geringen Eurobetrag bezahlen würde, nervte er mich Tage lang. Ob er sich ein paar Euro leihen könnte. Meistens reagierte ich darauf gar nicht. Wenn er dann schüchtern die Treppenstufen zu mir herauf kam und mir schon im Rahmen der Wohnungstür in die Arme fiel, war nichts mehr von seinem Verlangen nach ein bisschen Taschengeld zu spüren. Er drückte sich an mich, strahlte selig, als ich ihm mit meiner Hand über Rücken, Po und Beine streichelte. „Ich komme auch gern ohne Geld“ waren seine Worte als er begann mich auszuziehen. Noch in Jacke und Pullover wollte er mir einen blasen. Sexualität hatte für ihn etwas Unterwürfiges. Seine eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, dazu war er kaum fähig. Immer wieder frage ich ihn, während ich seinen Rücken und seine Brust liebkoste, wo er denn am liebsten berührt, gestreichelt oder gekitzelt werden möchte. Er kannte keine besonders empfindlichen Stellen an seinem Körper. Lutschen, Saugen und mein Sperma schlucken, das war ihm am liebsten. Ich wollte meine Säfte möglichst weit aus mit heraus schleudern und zog meinen Schwanz aus seinem Mund zurück, wenn ich kurz vor dem Höhepunkt war. Mich faszinierte seine weiche Haut. Er hatte nur wenig Körperbehaarung, kleine Brüste und kaum Muskeln, aber eine sehr sehnige Haut. Seine Träume, Wünsche und Visionen blieben mir verborgen. Beim Sex redete er kaum.

Jonas

Während ich in früheren Jahren auf meinen eigenen Jugendevents von den Besuchern Portraits fotografiert hatte, um mit den Bildern auf Flyern und in meinem Jugendmagazin die Veranstaltungsreihen zu bewerben, lockten mich später nur noch die Faschingsumzüge in den Dörfern und Vororten um Mannheim herum zum Fotografieren. Dabei sprach mich Jonas an, er wollte einen Termin für die nächste Woche in meinem Studio vereinbaren. Dass er mich noch am selben Abend anrief, damit hatte ich nicht gerechnet. „Willst du Sex?“ frage er am Telefon. „Dann komm wieder her, ich bin noch auf dem Faschingsumzug“. Ich sollte mich bei ihm melden, wenn ich wieder in der Nähe wäre. Viel Zeit wollte sich Jonas nicht nehmen. Seine Freunde warteten in einer Pizzeria. Und so beließen wir es bei gegenseitiger Befriedigung im Auto. „Gibst du mir Geld dafür“ frage er anschließend. „Mein Preis sind dreißig Euro“. Ich gab ihm Fünfzig und lachte über seine Naivität. Eine Woche später kam er im Fotostudio vorbei. Nein, Fotos wollte er eigentlich nicht, sondern mit mir ins Bett. Er legte sich nackt neben mich, streckte alle Viere von sich, und sagte, dann mach mal. Das fand ich gar nicht witzig. So hatte ich mir unsere Fotosession nicht vorgestellt. Und dafür auch noch Geld zu verlangen, fand ich doch sehr übertrieben. Trotzdem freundeten wir uns an, verzichteten aber auf weitere sexuelle Abenteuer. Jonas hatte keine Gefühle. So etwas kannte er gar nicht. Mit älteren Ficken und gefickt werden, stand auf seinem Programm. In seinem Leben ging es um Vergnügen und Provokation, Unterwürfigkeit und Macht.

Wegen familiärer Probleme lebte er in einer betreuten Jugendwohngemeinschaft in der Nähe von Heilbronn und ging auch dort zur Schule. Auch sein jüngerer Bruder war nur an den Wochenenden Zuhause. Seine Mutter arbeitete als Reinigungskraft und bezog Hartz Vier. Jonas hatte zwei Kindergartenfreunde, Martin und Sebastian, die stets an seinen Versen klebten. Sie begleiteten ihn in schwule Cafés, zu schwulen Freiern und nach späten Besäufnissen mit schwulen Freunden zu ihm nach Hause ins Bett. Sie ließen es sich von seinem Geld gut gehen. Wegen seinem Waschzwang lebte er ein paar Monate im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, dem psychiatrischen Krankenhaus in Mannheim. Um ihn vor weiterer Prostitution zu schützen, hatte das Jugendamt eine weit entfernte Einrichtung bei Heilbronn auf dem Land gewählt. Seine Oma steuerte einen Teil der Unterbringungskosten bei. Jonas hat mich mehrfach gebeten, ihn die hundert Kilometer von Zuhause ins Heim, in seine Schule, mit dem Auto zu fahren, oder dort abzuholen, um ihm die Zugfahrt zu ersparen. Eine Weile motivierte mich die Hoffnung, dass sich eine Freundschaft zwischen uns entwickeln könnte. Bei den Fahrten schüttete er mir sein Herz aus. Auch zu Sexabenteuern mit älteren Freiern aus den schwulen Cafés ließ er sich gerne bringen und pünktlich wieder abholen.

Ein Geschäftsmann mit eigenem Logistikunternehmen in Hamburg, der am Wochenende in seinem Penthouse in der Mannheimer Innenstadt lebte, hatte es ihm besonders angetan. Er war sportlich, elegant, mit Diplom in Betriebswirtschaft und Bauingenieurwesen. Natürlich durchschaute der Mann Jonas Stories vom bevorstehenden Abitur und dem geplanten Studium, schließlich war Jonas erst kürzlich am Hauptschulanschluss gescheitert und versuchte es jetzt nochmal in der Internatsschule. Das konnte man aus jedem seiner Sätze heraus lesen. Umso kontrastreicher waren seine Versuche, den Intellektuellen heraushängen zu lassen. Aus ein paar bezahlten Terminen wurde eine Partnerschaft, trotz vierzig Jahren Altersunterschied. Jonas wurde treu. Niemand anderes konnte ihm so viel Geld bieten. Ausflüge im Porsche, natürlich mit seinen heterosexuellen Busenfreunden. Er durfte seinen Finanzier auf Geschäftsreisen in alle Welt begleiten und sammelte Taschen, Jacken, Hosen von den teuersten Edelmarken. Dass Jonas zu älteren Männern keine Freundschaft pflegen wollte, sah ich bald ein. Er brauchte jemand wie mich, auf den er sich verlassen konnte, der ihn auch spät in der Nacht sicher nach Hause brachte, während sein Gönner schon längst angetrunken im Bett lag. Er brauchte einen Sponsor mit richtig viel Geld. Er brauchte seine Kumpels, um ihnen täglich zu beweisen, was er doch für ein toller Junge ist. Denn den teuren Edel-Whisky, den Champagner, Sauna-Ausflüge und die Penthouse-Partys hätten sie sich niemals selbst leisten können. Am meisten hat mich der Umgang seiner Mutter mit ihm erschreckt. Aus seinem Hurenleben mit unzähligen Partnern hatte er nie ein Geheimnis gemacht. Dass ihn seine Mutter beim nächtlichen Saufgelage mit Bekannten und seinen Busenfreunden lautstark als schwule Nutte beschimpfte, empfand ich als ungeheuer abstoßend. Ihm selbst machte das nichts aus. Er hatte keine Gefühle mehr, die hätten verletzt werden können.

Julian, Lennard, Matteo

Wie bescheiden, ehrlich und begeisterungsfähig junge Leute sein können, bewiesen mir Julian, Lennard und Matteo. Über Instagram hatte ich das Trio kennen gelernt. Julian war der erste von ihnen, der sich alleine zu mir ins Fotostudio traute. Dann brachte er Lennard und Matteo mit. Alle arbeiteten fleißig mit wachsendem Erfolg an den Followern und Likes ihrer Profile in Instagram und Tiktok. Und dafür braucht man wirklich gute Fotos. Obwohl wir uns erst ein paar Wochen kannten, schlug ich Ihnen vor, zwei Tage nach Paris zu fahren. Ich war schon mal in einer Hotel-Suite in der Nähe des Eifelturms, die genug Platz für uns hatte. Julians Mutter bat mich vorher zum Kennenlern-Gespräch. Lennard wollte den Ausflug seinen Eltern lieber verschweigen. Er übernachtete offiziell bei Julian. Und Matteos Vater ließ seinen Sohn ohne weitere Nachfragen über Nacht weg. Mit einem günstigen Mietwagen fuhren wir morgens nach Paris, direkt zum Supreme und zum BAPE Store. Nein, nicht um viel Geld auszugeben. Jeder bekam eine preiswerte Supreme Unterhose geschenkt, in der sich alle einzeln vor dem Geschäft fotografieren lassen wollten. Vom Ausblick der Hotel-Suite auf das abendliche Paris im Sonnenuntergang waren sie geblendet. In der sommerlichen Abendwärme spazierten wir zu Eifelturm und Triumpf-Bogen. Am nächsten Morgen ging es die Champs-Elysees zu Fuß rauf und runter, bevor wir am Nachmittag zurück fuhren. Ein einmaliges Erlebnis, das unsere Freundschaft bis heute trägt. Leider konnte Lennard es nicht lassen, Bilder und Videos in seinen Netzwerken zu posten, die seine Übernachtung beim Kumpel eine Straße weiter etwas ungläubig wirken ließen. Noch auf der Rückfahrt hat er sein Smartphone von allen Fotospuren gesäubert. Schon zu Beginn der Realschule hatte Lennard angefangen Videos am Computer zu schneiden. Er träumte von einer Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton. Bei einer Werbeagentur in seiner der Nähe bekam er einen der landesweit sehr wenigen begehrten Ausbildungsplätze und schloss den Ausbildungsvertrag schon ein Jahr vor seinem Schulabschluss. Julian und Matteo waren nicht so zielstrebig. Sie hatten fast über ein ganzes Jahr gemeinsam die Hauptschule geschwänzt und versuchten später den Hauptschulabschluss in der Berufsschule nachzuholen. Lennard war meistens mit einem anderen Kumpel auf Fototour, weil er sich selbst keine Kamera leisten konnte. Für ein Jahr bis zum ersten eigenen verdienten Geld lieh ich ihm eine semiprofessionelle Digitalkamera und ein paar Objektive, die ich nicht mehr benutze. Auch wenn die Jungs nach einem Jahr untereinander kaum noch Kontakt hatten, besuchten Sie mich weiter gelegentlich. Matteo war nach dem Wechsel von seiner Mutter zum Vater inzwischen in eine Jugendwohngemeinschaft gezogen. Er war auch der Berufsschule zu oft fern geblieben und hatte stattdessen lange Nächte am Computer durchgezockt.

Lenny und Raphael

Bei einer Gay-Party hatte ich Lenny und Raphael angesprochen. Zwei junge Schwule, denen man ihre Liebe zu Männern aber nicht ansehen konnte. Sie traten weder tuntig noch feminin auf, ihre Bewegungen waren nicht exaltiert, sondern im Gegenteil zurückhaltend sympathisch. Wenn ich Raphael nach Hause fuhr, suchte er das ernsthafte Gespräch. Sein Vater hatte seiner Mutter die Kindesunterhaltszahlungen gestrichen, weil Raphael, der eigene Songs schrieb und produzierte, ein paar Cent durch die Veröffentlichung seiner Tracks im Internet verdient hatte. Jetzt war er dabei seinen Vater zu verklagen, damit er sein Studium als Producer aufnehmen konnte. Lenny verdiente als Fahrzeuglackierer bei Mercedes ganz ordentlich und war gerade dabei die Meisterprüfung zu machen. Er kümmerte sich vor allem um die Kostenberechnungen für Unfallreparaturen und hatte selbst zwei Fahrzeuge samt Motorrad in der elterlichen Garage. Nach dem Abschluss seiner erfolgreichen Meisterprüfung habe ich ihn zu einer Asienreise eingeladen. Eine Woche Hongkong und weiter die zweite Woche nach Singapur. Flug und Hotelkosten waren es mir wert, einen Begleiter dabei zu haben. Seinen Geburtstag feierten wir im einzigen Schwulenclub, den wir in Honkong finden konnten. Ich lud ihn zu einem Drink ein, das lockerte seine Stimmung. Selbst wenn sein eigenes Konto reich gefüllt war, schmeichelt es ihm doch besonders, seine Drinks nicht selbst bezahlen zu müssen. Und mich freute es, ein wenig zu seinem Glück beitragen zu dürfen. Auf der Tanzfläche warf er sich gleich knutschend in die Arme eines kräftigen, blonden Schweizers, bei dem er die Geburtstagsnacht verbrachte, und den er in Singapur unbedingt wieder treffen wollte. Weil er keine eigene Kreditkarte hatte, lieh sich Lenny sein Taschengeld von mir. Als ich es nach der Reise zurück haben wollte, verwies er auf Raphael, dem ich mal eine Nacht im Hotel spendiert hatte, weil er seine neue Errungenschaft nicht gleich mit zu seinen Eltern nach Hause nehmen wollte, ich könnte ihm ja auch noch das Taschengeld schenken, meinte Lenny. Nach der Rückzahlung per Überweisung melde er sich nicht mehr.

Darius

Als Fotograf, der sich auf junge, männliche Models spezialisiert hat, begegnen mir immer wieder interessante junge Menschen, die es nicht gewohnt sind, über ihre Gefühle zu sprechen, weil sie keine passenden Gesprächspartner in der Verwandt- oder Bekanntschaft haben. Darius erschien mir auf seinen Instagram-Fotos als sehr zarter, gefühlvoller Junge. Obwohl Mittelstürmer im Fußball-Verein versah er meine Antworten im Instagram-Chat mit roten Herzchen und brachte bei seinem ersten Besuch nur wenige Worte hervor. Ja, er hatte mal eine Freundin, aber er fand das Mädchen nicht so toll. Nein, schwul wäre er nicht, antwortete er auf meine direkte Frage bei unserer zweiten Begegnung. Aber er ließ sich bauchfrei portraitieren und postete die Bilder auf seinem Instagram Profil. Zunächst schien die Ausbildungsstelle in einem Supermarkt dem 17 jährigen Realschulabgänger sicher. Dann sagte sein potentieller Lehrherr überraschend und kurzfristig ab. Wegen Problemen mit seinem Stiefvater hatte Darius nicht das beste Zeugnis. Mit der Eins in Sport konnte er die Fünf in Mathematik ausgleichen. In allen anderen Fächern waren die Leistungen ausreichend. Als privater Arbeitsvermittler bin ich mit überzeugenden Bewerbungen vertraut. Als Darius mir bestürzt schrieb, dass er unbedingt eine neue Lehrstelle brauchte, lud ich ihn am Abend desselben Tages zu mir ein. Vormittags hatte ich eine Bewerbung für Ihn gezaubert und an mehrere Unternehmen aus der Lehrstellenbörse der Industrie und Handelskammer unter seinem Namen versendet.

„Während meines Praktikums beim Spiel- und Schreibwarenversandt „Hobby & More“, im vergangenen Jahr,“ ließ ich ihn formulieren, „konnte ich kaufmännische Grundlagen und den Umgang mit Kunden kennen lernen“, und ergänzen, „mit meiner offenen und aufgeschlossenen Art viel es mir leicht, auf die Kundenwünsche einzugehen. Kunden bei der Produktauswahl zu beraten, ihre Fragen zum Sortiment zu beantworten und ihnen Hinweise für den Einsatz der Produkte mit auf den Weg zu geben, hat mir viel Freude bereitet“. Um seine Qualitäten zu unterstreichen hieß es weiter, „als Fußballer bin ich Teamplayer. Im Mittelfeld meiner Vereinsmannschaft verteile ich die Bälle und gebe den Sturmspitzen steile Vorlagen auf dem Weg zum Sieg. Das Fußballtraining rundet der regelmäßige Besuch im Fitnessstudio ab, auch wenn man mir das nicht auf den ersten Blick ansieht“. Der letzte Absatz versuchte zu überzeugen. „Gern lerne ich Ihren Betrieb bei einem Praktikum kennen, für das ich jederzeit zur Verfügung stehe. Leider hat mir ein Einzelhändler wegen wirtschaftlichen Problemen den bereits vor Wochen festgeklopften Ausbildungsplatz kurzfristig absagen müssen. Deshalb erreicht Sie meine Bewerbung erst jetzt. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und darf Ihnen in der Anlage meinen Lebenslauf sowie das Abschlusszeugnis der Realschule zukommen lassen. Ich hoffe meine schwierigen Schulnoten durch meine Computeraffinität und meine Kommunikationsfähigkeiten ein wenig kompensieren zu können“.

Sehr groß war die Resonanz auf seine kurzfristige Bewerbung nicht. Aber ein inhabergeführter Betrieb aus dem Bereich Gartenzubehör mit über hundertjähriger Familientradition lud ihn zum Vorstellungsgespräch ein. Dem Unternehmen war der fast schon eingestellte Auszubildende für den Beruf des Kaufmannes im E-Commerce abhandengekommen, so wie Darius seine Lehrstelle. Als Alternative ergab sich auch ein Vorstellungsgespräch bei McDonalds, bei denen er zum Fachmann für Systemgastronomie noch die Fachhochschulreife hinzu geschenkt bekommen hätte. Das Vorstellungsgespräch beim Gartenzubehörgroßhandel bereiteten wir bei unserem dritten Treffen vor. Ich hatte Darius eine Mappe erstellt, die er mit zum Gespräch nehmen sollte, in der nicht nur seine Bewerbungsunterlagen, sondern auch ein Waschzettel mit Fragen und Antworten und ausgedruckte Seiten der Homepage des Unternehmens Platz fanden. Sein Interesse an der Ausbildung sollte er mit dem Hinweis auf seine zahlreichen Bestellungen im Internet – in seinem Odenwald-Dorf gab es keine Fachgeschäfte – und mit seiner Neugier auf die Programmierung von Webshops erklären. Wer nur online einkaufen kann, für den ist es doch höchst interessant zu erleben, wie die Warenangebote überhaupt auf den Seiten von Amazon, Idealo und ähnlichen Portalen geraten. Schon heute saß er nächtelang vor dem Bildschirm und durchforstete Chatforen wie Online-Stores, da würde ihm ein Beruf mit diesen Medien sicher Spaß machen. Die Vorbereitung war kurz aber erfolgreich. Seelig viel mir Darius in die Arme. Er strahlte wieder über das ganze Gesicht. Mit großer Freude und Zufriedenheit schmiegte er sich an mich und sah mich bei der Verabschiedung so fasziniert, tiefsinnig lächelnd mit leuchtenden Augen an, als wollte er mir einen Kuss auf den Mund geben. Mit der Mappe überzeugte er seinen neuen Arbeitgeber, der ihm zum Start in die Ausbildung ein zweiwöchiges Praktikum anbot und ihm dann einen Ausbildungsvertrag gab.

Colin

Was ein Sugar-Daddy ist, davon hatte Colin selbst kaum eine Vorstellung. Seinen Weg als schwuler Junge zu finden, fiel ihm schwer. Statt bester Freunde hatte er nur beste Freundinnen. Ein halbes Jahr chatteten wir, bis er endlich den Weg zu mir fand. Er interessiert sich für Jazz und analoge Fotografie, spielt Klavier und Bassflöte. Eine ganze Menge Themen, zu denen wir uns austauschen konnten. „Ich will kein Geld. Ich mag jemand zum Reden über Musik und Fotografie, und nebenbei geht dann auch Sex“, schrieb er eines Tages. Aber einen konkreten Termin zu vereinbaren, das gelang ihm Monate lang nicht. Ob ich ihm dabei helfen könnte einen Job zu finden, war seine nächste Frage. Das ist schließlich mein Beruf. An meine Arbeitgeber konnte ich ihn nicht vermitteln, die suchen keine Minijobber sondern Vollzeitkräfte. Aber er bekam bei Edeka einen Job um sein Taschengeld in der letzten Realschulklasse aufzubessern. Er will nach dem Werkrealabschluss auf eine Kunstschule gehen um Abi zu machen und dann Musik studieren. Dass es in Mannheim ein symphonisches Bläserensemble gibt, wo er mit seiner Bassflöte hätte mitspielen können, wusste er nicht. Auch war ihm der Klavierunterricht irgendwann zu viel geworden. Zehn Jahre jeden Tag zu üben und jede Woche zum Unterricht zu gehen, so wie ich das bis zum Abitur durchgezogen hatte, war ihm zu viel. „Ich habe nur ein E-Piano“, schrieb er später, ließ sich von meinem hölzernen Flügel aber auch nicht anlocken. Es fiel ihm schwer Komplimente nachzuvollziehen. „Warum möchtest Du mich so gern kennen lernen?“ – „Weil Du sehr nett, interessiert und charmant bist und so gut aussiehst“, antwortete ich ihm. „Oh Danke“. Dass ich mein Cello wieder hervorgekramt hatte und gelegentlich mit dem Bogen darüber strich fand er „so geil“. Als er einen Sugar-Daddy per Instagram-Story suchte, melde ich mich mal wieder. „Ich habe eine Frage, würdest Du mein Sugar-Daddy sein wollen“, fragte er ganz vorsichtig, „weil ich derzeit nichts anderes suche“. Dazu müssten wir uns mal kennen lernen, antwortete ich ihm. „Ja klar, ich stell mir das so vor, dass wir Spaß haben, uns regelmäßig treffen und ich ein Bisschen Geld bekomme“. Gegen Treffen und Spaß hatte ich nichts. Aber mit dem Geld müssten wir bis nach seinem 18. Geburtstag warten. Wir schrieben und redeten über gemeinsame Reisen. Er borgte sich Geld für ein neues Handy und bezahlte es zurück. Zeit dafür, um uns lange zu unterhalten fand Colin nie. Kurzer Sex ist ein wenig unpersönlich. Aber er wollte mir unbedingt einen Blasen. Nach wochenlanger Funkstille schrieb er mir eines Abends, ob ich ihm nochmal 20 Euro schicken könnte, mit Paypal, er wäre in der Stadt und hätte so großen Hunger. Das wäre es dann noch nicht, was ich mir unter eine Freundschaft vorstellen würde, schrieb ich ihm zurück. Dass er zehn Euro, die ich ihm letztens geliehen hatte nicht zurückgegeben hatte, darüber sah ich gern hinweg. Aber schon wieder nach Geld zu fragen passte nicht zu meinen Erwartungen.

Leon

Mit dem Abstand von vier Jahren hatte ich ein paar Jungs, die ich damals für meine Serie quadratischer schwarz-weiß Portraits fotografiert hatte, nochmal in mein Fotostudio eingeladen. Tobias war vor vier Jahren mit seiner besten Freundin zum Shooting gekommen. Gerade vierzehn Jahre alt geworden, sehr feminin, schmal, feingliedriges Gesicht, schüchterner Blick, ja, er wusste, dass er schwul war, aber wollte sich noch nicht outen. Vier Jahre später hatte er ein paar Kilo Körpergewicht zugelegt, die er unter weiten Klamotten versteckt hielt. Seine beste Freundin war wieder dabei. Inzwischen hatte er eine Menge schwuler Beziehungen ausprobiert, mochte aber nicht darüber reden. Es dauerte ein paar Jahre bis er wieder zu seinem vorteilhaften Knabenaussehen zurückgekehrt war. Mit viel Sport hatte er abgenommen, was ihm sehr wohl tat. Nach seiner zweiten Fotosession bei mir hatte er ein Date mit Leon, der mich auch schon mal wegen Fotos angeschrieben hatte. Jungs über Facebook oder Instagram kennen zu lernen war mir immer sympathischer und es war erfolgreicher, als mit schwulen Kontakt-Apps wie Grinder oder Gay-Romeo. Tobias erzählte Leon von seinen Bildern und dem Fotograf. Auch wenn sich Tobias und Leon kein zweites Mal trafen, wurde Leon zu einem guten Freund von mir. Er hatte früh mit Jungs angefangen. Bei seinem ersten schwulen Sex war er gerade zwölf. Als Abiturient konnte er auf knapp ein Jahrzehnt schwuler Erfahrungen zurückgreifen und wusste genau wo und wie man einen Partner berühren, reizen, kitzeln und streicheln sollte. Er hatte viele, gleichaltrige, feste Freunde, und jede Menge älterer Bekanntschaften, zu denen er sich aber nie offen bekennen wollte.

In unserem ersten, noch etwas distanzierten, Gespräch sprach Leon von Geldwünschen, die seinen Minijob-Monatslohn in der Eisdiele neben seiner Schule übertreffen sollten. Ich bot ihm stattdessen eine Freundschaft an, die natürlich nicht von Geschenken frei wäre. Aber ich möchte Freunde nicht wie Huren mit Stundenlöhnen bezahlen, damit konnte sich Leon anfreunden. Ich könnte ihm als Honorar für unser nächstes Treffen den Urlaub mit seinem derzeitigen Freund in Barcelona bezahlen. Leon verstand sich sofort mit Noah, der im selben Sommer bei mir eingezogen war. Beide waren in Brasilien geboren, und in Deutschland aufgewachsen. Das schweißte sie zusammen. Mit seiner Erfahrung wusste Leon genau, wie er mich wo anfassen, berühren, streicheln und kneten musste. Darin war er den meisten meiner heterosexuellen Partner weit überlegen. Während ich zwei Wochen durch Island und Grönland reiste, kam Noah bei Leon unter. Seine Mutter hatte Noah als Kind bei seinem Vater zurück gelassen. Sein Vater hatte ihn vor ein paar Jahren aus der Wohnung geworfen. Sich nach einem Jahrzehnt auf Portugiesisch mit Leons Mutter zu unterhalten, weckte seine schönsten Kindheitserinnerungen. Leon träumte von einer Karriere als DJ. Sein Windows Laptop war dazu wenig geeignet. Zum Geburtstag hatte ich Leon ein DJ Pad geschenkt, aus Grönland würde ich ihm eine Überraschung mitbringen, hatte ich angekündigt. Ein Apple Power MacBook. Das war wirklich eine echte Überraschung. Sie sollte seine, bei unserer ersten Begegnung genannten finanziellen Wünsche, bei weitem übertreffen. Mir waren sein Glück, sein Staunen und seine Begeisterung so viel wert. Natürlich hatte ich das MacBook bei einem deutschen Versandt bestellt. Da sich Leon wirklich nicht vorstellen konnte, mit welchem Geschenk aus Grönland ich ihn überraschen konnte, ist mir diese Inszenierung gut gelungen.

Nach einem gemeinsamen Wochenende mit Noah und Leon in Paris samt Großeinkauf bei Supreme, La Coste und auf den Champs-Elysee versuchte mir Leon zu erklären, dass er mit unserer Freundschaft, unserem Sex und meinen Geschenken emotional nicht mehr zu Recht kommen würde. Geschenke würde er weitern nehmen aber bis er mir wieder Sex gegen Geld anbot, verging ein halbes Jahr. Mit Noah und Adrian, einem jüngeren schwulen Freund, wollten wir zusammen auf die CSD-Parade gehen, die mit viel Musik knapp an meinem Haus vorbei zog. Stattdessen vergnügte sich Leon mit Adrian, den er gerade bei mir kennen gelernt hatte, in meiner Dusche und auf dem Gästedoppelhochbett. Seine spontanen Bedürfnisse, sein Sex, er selbst, waren Leon wichtiger, als vieles andere. „Ich glaube, ich bin nicht fähig, mich in einer Beziehung fallen zu lassen“, sagte er mir mal in einem ernsten Gespräch und zweifelte daran, jemals glücklich werden zu können. Länger als drei Monate hatte er es nie mit gleichaltrigen Freunden ausgehalten, was ihn selbst am meisten störte. Für sich daraus die Konsequenz zu ziehen, eine etwas sozialere Einstellung zu finden, viel ihm sehr schwer.

Nach dem Abitur leistet Leon ein Jahr Freiwilligendienst in Rio de Janeiro. Natürlich klemmte es auch dort finanziell, wenn der Laptop-Bildschirm zerbrach, oder ihm Geld aus seinem Zimmer gestohlen wurde. Leon konnte sich auf mich verlassen, das war mir wichtig. Früher als erwartet schickte ihn die Aktion Sühnezeichen nach Hause. Eigentlich wollte ihn sein Vater in Rio de Janeiro besuchen, eigentlich wollte er mir im Sommer Rio de Janeiro zeigen, stattdessen wohnte er nach seinem vorzeitigen Rückflug ein paar Wochen bei mir, nachdem ich ihm mit Taschengeld und Zugfahrkarte ausgeholfen hatte. Unerwartete Handyrechnungen, Reparaturkosten und ähnliches ließen ihn immer wieder um Unterstützung bitten. Ausfühlich und herzlich bedankte er sich in langen Textmitteilungen. Doch seinen Entschuldigungen ließ er leider selten Taten folgen.

„Vielen Dank, das ich in den letzten Tagen bei dir wohnen konnte“, schrieb Leon nach einem längeren Besuch. „Vielen Dank das du mich finanziell unterstützt, wenn ich es brauche. Du bist fast so was wie ein Vater, ein sicherer Hafen. Ich kann bei dir wohnen, wenn mir die Decke zu Hause auf den Kopf fällt und den Kontakt zu meinen Freunden in der Stadt besser halten“. Dass sein deutscher Vater nicht sein leiblicher Erzeuger ist, hat Leon erst mit der Volljährigkeit erfahren, als sich seine Eltern trennten. Seine brasilianische Verwandtschaft kennt den leiblichen Vater als Jugendfreund der Mutter. Aber die Begegnung mit ihm in Rio de Janeiro hat Leon nicht viel bedeutet.

„Ich hatte oft Hintergedanken, wenn ich dich besucht habe“, schreibt Leon weiter. „Natürlich konnte ich mich durch dich begehrt fühlen, durch deine Fotografien mein Ego auf Instagram puschen und auf gemeinsamen Reisen viel erleben“. Für eine gemeinsame Urlaubswoche in London hatte ich ihm Karten zum Harry Potter Musical besorgt. „Du hast mir so tolle Geschenke gemacht, wie das Harry Potter Musical in London. Du warst immer da wenn ich dich gebraucht habe. Anfangs dachte ich, ich müsste mich mit Sex dafür revanchieren. Deine Liebe für Jungs ist unkonventionell. Meine Liebe für das gleiche Geschlecht ist es auch. Aber dafür können wir nichts. Wir Leben damit. Und wir schaden niemand. Bei dir sogar ganz im Gegenteil. Du hilfst jungen Männern ihre Träume und Ziele zu verfolgen“.

Dass ich junge Leute, dass ich meine jungen Freunde unterstütze, ohne dass sie mir dadurch etwas schuldig würden, findet er beispielhaft. „Wie Du Dich um Noah kümmerst, ist so unglaublich schön. Eure Freundschaft hat mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, dass es im Leben nicht um Sex geht. Es geht um Beziehungen, um soziale Kontakte, um Liebe. Liebe kann man sich nicht kaufen“. Während Leon befürchtet, dass ich ausgenutzt würde, und es die Jungs, denen ich mich zuwende, es selbst so empfinden, erlebe ich den Umgang mit meinen Freunden immer als Bereicherung. „Auch wenn die Begegnungen nicht immer die Intensität erreichen, die du dir erhoffst, hast du es verdient geliebt zu werden, so wie wir alle. Obwohl ich dir doch so wenig zurückgeben kann, möchte ich, dass du weißt dass ich dich liebe, wie einen Vater, wie einen Freund“.

„Das Leben als schwuler Junge ist nicht einfach und als älterer schwuler Mann schon gar nicht. Ich bemitleide dich aber nicht, weil du kein Mitleid brauchst. Du bist stark, intelligent, und du nutzt deine Fähigkeiten, um das Leben zu führen, das du dir ausgesucht hast. Dafür verdienst Du meinen Respekt. Irgendwann bin ich so alt wie du, und vielleicht werde ich daran verzweifeln. Die Schwulenwelt ist so unglaublich oberflächlich. Wir geben uns gegenseitig Rollen. Wir kategorisieren uns. stecken uns in Schubladen. Dein Psychologiestudium und Dein Beruf haben Dich zu einem kompetenten  Ansprechpartner in allen wichtigen Lebensfragen gemacht. Was wird einmal aus mir? Vielleicht ist Dein Fotostudio ein geplantes Konzept, um Menschen kennen zu lernen, eigentlich ziemlich genial. Vielleicht ist es aber auch einfach eine ganz normale Entwicklung eines Lebens, Deines Lebens. Es ist schon witzig, dass du jetzt irgendwie ein Teil von meinem bist. Du bist da wenn ich dich brauche. Und ich will da sein wenn du mich brauchst. Ich kann nicht immer für Dich da sein, weil mein Leben das pure Chaos ist. Aber ich will, dass du weißt, dass ich auch später für Dich da sein möchte. Wenn du irgendwann mal nicht mehr so fit bist. Und ich denke Noah wird auch da sein. Ich will nicht das du irgendwann total isoliert lebst und denkst du wurdest vergessen“.

Nach längerer Zeit hatte mich Leon mal wieder besucht und im Gästezimmer geschlafen. Dabei hatte er sich eine Marken-Shorts von mir stibitzt, die er eigentlich am nächsten Tag zurück bringen wollte. Stattdessen schrieb er mir: „Andreas ich fühl mich so unendlich schlecht. Ich habe in letzter Zeit viele Menschen enttäuscht. Ich will dass du weißt dass ich an mir arbeite und eine Therapie mache. Ich möchte von allen Drogen weg. Aktuell verbringe ich viel Zeit zu Hause und versuche meinen Führerschein zu machen. Ich bin dir so unendlich dankbar für deine Unterstützung in all den Jahren“. Seinem Schauspielstudium, von dem er immer geträumt hat, ist er näher gekommen. „Ich bin an mehreren Schauspielschulen, in Berlin, Ludwigsburg, Frankfurt und Hamburg im Auswahlverfahren eine Runde weiter gekommen. Mein Germanistik-Studium in Mannheim ist eher schein als sein“. Das MacBook, mein erstes Geschenk vor vier Jahren, ist ihm ein treuer Begleiter. „Jedes Mal wenn ich mit meinem MacBook arbeite muss ich daran denken wie viel du mich unterstützt, wie viel du mir geholfen hast, und wie scheiße es war, einfach die Shorts von Dir mitzunehmen. Es tut mir echt leid. Bitte lass mich dich bald wieder sehen und es wieder gut machen“. Es gibt keinen Grund, dass du dich schlecht fühlst, wirklich nicht, schrieb ich ihm zurück. „Du kannst mich jederzeit besuchen“.

Adrian

Adrian kam ein paar Mal vorbei um Fotos für Instagram und kurze Videos für Musically und Tiktok aufzunehmen. Ganz spontan stand er immer wieder vor meiner Tür, aber wenn er sich angekündigt hatte, kam er meistens nicht vorbei. Nach enttäuschenden Beziehungen zu gleichaltrigen Schwulen hatte er sich älteren Partner zugewandt, die sich gerne unverbindlich ficken lassen wollte. Adrian hatte die aktive Rolle für sich erwählt. Meine Wohnung wurde immer mehr zu seiner Homebase. Von hier schrieb er in den bekannten Apps schwule Männer an und brach zu seinen Besuchen auf, um mir danach zu berichten, wen er für wieviel Geld gefickt hätte. Als er Leon vor der CSD Parade zum ersten Mal bei mir begegnete, war er von dessen Art und seinem Körper total begeistert, von seinem späteren Verhalten aber enttäuscht, denn Leon beließ es beim einmaligen Sex, während die Bässe der Christopher Street Parade dröhnend in der Nähe vorbei zogen. Leon fühlte sich von Adrians Avancen genervt. Er war eher an älteren Jungs interessiert, nicht an jüngeren. Adrian hielt den Kontakt zu mir und freute sich darüber, mit Noah abzuhängen. Manchmal schlich er sich zu mir unter die Bettdecke, bevor er zu einem Kunden aufbrach. Aber leidenschaftlich und gefühlvoll habe ich ihn nie erlebt. Sex ist für ihn zum Job geworden. Die Erfahrungen mit seinen ständig wechselnden Partner haben ihm den Weg zu seinen Gefühlen versperrt.

Noah

Bei einer großen Outdoor Abi-Party in Frankfurt war ich mal wieder mit meiner Kamera unterwegs. Ich suchte mir ein paar Jungs zum portraitieren aus, erfragte ihre Whatsapp-Nummern und Instagram-Profile, um ihnen die Fotos aus meiner Kamera zusenden zu können und ihnen eine Fotosession anzubieten. Mit LED-Strahlern und Stativ fotografierte ich in der Woche darauf gerade einen der Jungs gegen die untergehende Sonne in der Fußgängerzone, als Noah mit ein paar Freunden vorbei kam. „Von dir muss ich unbedingt Fotos machen“, sprach ich ihn an. Er kannte den Jungen vor meiner Kamera und stellte sich bereitwillig dazu. Um ihm die Fotos zu schicken, gab er mir seine Handynummer. Wir verabredeten uns zu einer Fotosession im Laufe der nächsten Woche.

Noah brachte seine Freundin mit zum Fototermin. Wir liefen durch seine Stadt und schauten nach interessanten Locations. Stunde um Stunde verging und Noah war sichtlich begeistert, meistens alleine aber auch mit seiner Freundin, vor meiner Kamera zu posieren. Als wir alle hungrig waren, lud ich das Paar zum Döner ein. Noah erzählte ein Wenig aus seinem Leben und ich aus meinem. Er wohnte seit mehr als einem Jahr nicht mehr zu Hause, sondern übernachtete bei verschiedenen Freunden. Sein Vater hatte ihn rausgeschmissen, und ihn auch bei kaltem Wetter und strömendem Regen nicht mehr Zuhause rein gelassen. Deshalb war Noah auf eigenen Wunsch in einer Jugendwohngruppe einquartiert worden. Aber dort hatte er es nur ein paar Wochen ausgehalten. „Ich muss sehr auf mich aufpassen, darf keine Probleme bekommen, und nicht auffallen“, sagte er. „Wenn ich Mist baue, gibt es niemand, den ich anrufen könnte, der mir hilft, mich rettet“. Ich erzählte ihm von Jungs aus meinem Freundeskreis, und dass es für viele, die auf der Straße leben nicht ungewöhnlich ist, ihren Körper zu verkaufen. Noah reagierte entrüstet, und seine Freundin schaute misstrauisch. „Jetzt hast Du einen Freund, den Du immer anrufen kannst und auf den du dich immer verlassen kannst“, versprach ich ihm und drückte ihm meine Visitenkarte in die Hand, bevor wir weitere Fotos in den nächtlich beleuchteten Einkaufsstraßen machten. Um die Fotos zu bearbeiten und auszuwählen wollten wir uns in Frankfurt treffen. Aber dazu kam es nie.

Leon hatte mich mal wieder versetzt, obwohl ich mich so sehr auf unsere erste gemeinsame Nacht gefreut hatte, als Noah anrief. Da die Mutter von seinem Kumpel, ein schwuler Junge, mit dem er in den letzten Wochen das Bett geteilt hatte, mit ihrem Sohn in den Urlaub fahren wollte, wusste Noah nicht, wo er die nächsten Nächte schlafen sollte. „Ich kann dich Morgen abholen“, versprach ich ihm. Früh um sechs klingelte das Telefon. Noah saß nach einem Techno-Jam in einer Volksbankfiliale irgendwo zwischen Frankfurt und Wiesbaden um sein Smartphone zu laden. „Kannst du mir was zu essen bestellen“, fragte er. „Es ist Mitten in der Nacht, entschieden zu früh, aber wenn ich in ein paar Stunden ausgeschlafen habe, kann ich dich abholen. Schick mir Deinen Standort“, forderte ich ihn auf. Als ich die Volksbankfiliale erreicht hatte, führte unser erster Weg zum nächsten Hamburger Drive-In. Noah hatte den ganzen Abend nichts gegessen. Während der Rückfahrt bot ich ihm an, er könnte zwei Wochen zur Probe bei mir wohnen, anschließend wäre ich selbst zwei Wochen in Island und Grönland im Urlaub. Zurück aus Grönland vereinbarten wir, dass Noah bei mir im Gästezimmer mit Doppelhochbett bleiben könnte, wenn er nach den Sommerferien regelmäßig in den Hauptschultageskurs an der Volkshochschule gehen würde, den ich ihm bezahle. Vor seiner Hauptschulprüfung im Frühjahr hatte er sich mit einer Mischung aus Prüfungsangst, Schlafmangel und zu vielen Grastütchen gedrückt.

Noah hatte den Unterrichten in den letzten Jahren nur sehr sporadisch besucht. Nach der Grundschule hatte man ihn auf dasselbe humanistische Gymnasium geschickt, an dem ich 40 Jahre zuvor mein Abitur gemacht hatte. Seine mangelhaften Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen hatte er mit geschliffenem Wortwitz überdeckt. Nach einem halben Jahr ging es für ihn zurück an die Realschule. Mehrerer Umzüge und Schulwechsel in den Grundschuljahren waren seinem Lerneifer wenig förderlich. Ganz im Gegensatz dazu gelang es ihm aber immer wieder seine Lehrer mit Wortakrobatik von sich zu überzeugen, die er unzähligen Videos und Fernsehserien entnommen hatte. Als Baby war er mit Vater und Mutter aus Brasilien nach Portugal umgezogen. Omas, Onkels, Tanten und ältere Stiefbrüder lebten noch in Rio de Janeiro. Als er vom Kindergarten in die Grundschule in der Nähe von Lissabon wechseln sollte, holte ihn seine Mutter eines Tages nicht mehr beim Kindermädchen ab und verschwand. Sein Vater kümmerte sich um das sportlich begabte Rollhockey-Talent. Er nahm Noah mit zu einer Freundin nach Frankreich, bis ein Berliner Eishockey-Verein dem Vater einen Job und seinem Sohn die Karriere als Hockey-Spieler in Aussicht stellte. Der Papa wollte aus seinem Sohn einen erfolgreichen Sportler machen, der er selbst nie geworden war. Noah galt als Talent. Er spielte in Landes- und Bundesauswahlmannschaften. So kam er zum nächsten Verein nach Hannover und später nach Frankfurt. Sport rund um die Uhr, kaum Hausaufgaben. Jahre später begab er sich bei einer gemeinsamen Portugalreise auf die Suche nach seiner Mutter in den Dorfstraßen seiner Kindheit. Als seine Mutter durch frühere Nachbarn davon erfuhr, lud sie ihren Sohn ein paar Jahre später über Weihnachten zum Besuch nach Lissabon ein. Da war Noah mit 20 schon junger Vater einer Tochter und versuchte im dritten Anlauf einen Hauptschulkurs zu absolvieren. Sein Vater hatte zuvor den Kontakt zu seiner Mutter immer konsequent unterbunden.

Während ich in Grönland war, nahm Leon seinen neuen brasilianischen Bruder mit zu sich nach Hause. Als sich die beiden zum ersten Mal bei mir sahen, fielen sie sich gleich wie Brüder in die Arme. Wenn man bei Freunden übernachtet und meistens auf der Straße lebt, lernt man viele schwierige Leute kennen. Deshalb war Noah froh, eine gewisse Zeit, ganz von seinen alten Freunden aus Frankfurt wegzukommen. Das war auch mein wichtigstes Ziel in Erinnerung an Mason. Eigentlich hätte sich Noah beim Jugendamt und im Heim melden müssen. Seinem Vater war es wohl ganz recht, die Kosten für die Jugendwohngemeinschaf in sozialer Trägerschaft nicht mehr aufbringen zu müssen, weil sein Sohn dort nicht mehr aufschlug. Um allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, und so etwas wie einen Neuanfang zu wagen, verriet Noah niemandem, wo er wohnte. Ich war bereit, Noahs Leben zu bezahlen, weil mich unsere Gespräche so inspirierten, wie bei keinem meiner jüngeren Freunde zuvor. Er bewahrte immer Respekt und Distanz. Schloss die Tür vom Bad ab. Zog sich nie vor mir um. Dafür waren unsere Diskussionen in den drei Jahren die er bei mir gelebt hat, umso intensiver. Wir hatten uns viel vorgenommen.

Er ging mit Freude und Spaß in den Hauptschultageskurs der Volkshochschule. In völliger Unkenntnis seiner heftigen aber partiellen Wissenslücken, empfahl ihm sein Lehrer, doch nach der Hauptschulprüfung gleich ans Abendgymnasium zu wechseln. Ich weckte ihn um sieben in der Frühe. Schule war erst um Neun. Aber Noah brauchte erst mal eine Stunde um sich aus dem Hochbett im Gästezimmer zu wühlen. Der nächsten Stunde im Bad inklusive mehrmaliger Wechsel des Outfits und einer Tanzeinlage mit Kopfhörern vor dem Spiegel, folgte meistens das Zuspätkommen in der Schule. Aber es waren ja nur ein paar Minuten. Noah ging nie einkaufen, es hätte ihn ja jemand sehen können, wenn er mein Haus verlässt. Er schaute sich alle Folgen allen Staffeln von „Game Of Thrones“ in mehreren Nächten ohne Pause nacheinander an. Das Hochbett im Gästezimmer, von drei Wänden schlauchartig begrenzt, wurde zu seiner Höhle. Ich hatte jemand, um den ich mich kümmern durfte und Noah genoss es jemand zu haben, der sich um ihn kümmerte. Wenn Fernseher und Playstation mal eine Pause machten, führten wir ernste Gespräche. „Es würde mir niemand glauben, wenn ich ihm von Dir erzählen würde, und all dem, was du für mich tust“, sagte er. Und darin schwang die Angst, dieses Glück verlieren zu können, wenn seine Freunde, seine Familie, sein Vater oder seine Stiefmutter davon erfahren würden. Er war fest entschlossen sein Glück in diesem Herbst nicht mehr aus der Hand zu geben, und hielt sich eisern daran.

Noah schwärmte von Skater-Mode, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Ein Rapp-Song war ihm zum Gebet geworden. „Es ist zwölf Uhr, ich kauf mir Supreme“, singt der Stuttgarter Rapper RIN in seinem Lied „Blackout“. Jede Woche am Donnerstag zur Mittagszeit veröffentlichte das Mode-Label Supreme auf seiner Homepage eine neue Kollektion, die in wenigen Minuten ausverkauft war. Mir gefielen die bunten Klamotten. Nach zwanzig Jahren in braunen Cordhosen begann ich mich für Mode zu interessieren. Aus Japan kam das Label BAPE, aus London Palace. Läden haben diese Firmen nur eine Handvoll. Exklusive Shops findet man nur in Paris, London, New York, Los Angeles und Tokio, wenn es denn keine Fälschungen sein sollen. Noah träumte nicht nur davon, mal ein großer Rapper zu werden. Doch Flow hatte er wirklich keinen. Er träumte auch davon, wie ein großer Rapper einzukaufen, und wusste, dass das niemals Wirklichkeit werden würde.

Nach Paris zu fahren, bei Supreme einzukaufen, auf den Champs-Elysee bei Lacoste, Yves Saint Laurent, Louis Vuitton oder Gucci zu schoppen, dieser Traum sollte schon an einem Wochenende in den Sommerferien, in Erfüllung gehen. Ich buchte eine Hotel-Suite im 30. Obergeschoss in der Nähe des Eifelturms und wir fuhren los. „So was habe ich noch nie gesehen“ rief Noah begeistert, als er durch die großen Fenster des Nobelhotels auf das erleuchtete Paris blickte. Weil Leon am Freitag länger Schule hatte, kamen wir erst bei Dunkelheit nach Paris. Zusammen wollten die beiden Brasilianer in der Nacht in einen Techno-Club gehen. Bei Supreme mussten wir am Samstag drei Stunden in der Schlange warten. Während diese Markenklamotten bei Wiederverkäufern im Internet unbezahlbar sind, gibt es die Modekollektionen im Ladengeschäft zu reduzierten Preisen. Mit den neuen Hemden, Pullis und Hosen posierten Noah und Leon vor dem Eifelturm für meine Kamera.

Zu meinem Geburtstag habe ich Noah und Leon nach Nancy eingeladen. Der herrliche Place Stanislas, Weltkulturerbe mitten in Nancy, benannt nach dem Herzog von Lothringen und ehemaligem polnischen König, gab den Rahmen für unser Geburtstagsessen unter den großen weißen Sonnenschirmen. Am Abend lockte eine Lasershow, mit historischen Theaterszenen projiziert auf die weißen Barockgebäude, die den quadratischen Platz umfassen, samt mitreißenden Songs aus Pop und Klassik, viel Publikum an. Noah und Leon lernten ein paar französische Studentinnen kennen, und verbrachten die Nacht bei ihnen. Auch wenn es die Französinnen mehr auf den älteren, erfahrungsreicheren Leon abgesehen hatten, überließ er sie im Bett gern dem zurückhaltenden Noah, wie mir beide am nächsten Morgen berichteten, als Sie zum Frühstück wieder im Hotel auftauchten, um den verlorenen Schlaf auf der Rückfahrt im Auto nachzuholen.

In den Herbstferien wolle ich Noah ein bisschen was von der Schweiz, Italien und Frankreich zeigen. In Montreux war ich schon oft. Berge und Seen würden Noah begeistern. Wir fuhren am Genfer See entlang und Noah nutzte jede Gelegenheit, sich dem Ufer auf Steinen und Felsen zu nähern. Er liebt das Wasser. Warf Hände voller Tropfen über sich hoch, um sich Mitten im niederregnenden Nass fotografieren zu lassen. Der mit Schnee bedeckte Monte Blanc im Hintergrund verlieh den Fotos Kontrast und Tiefe. Über Genf, durch den Monte-Blanc-Tunnel fuhren wir weiter nach Turin und Richtung Genua. Gleich nach dem einchecken im Grand Hotel Arenzano lief Noah an den Strand und stürzte sich mit Jeans, Hemd und Sweater ins Mittelmeer. Er tanzte durch die Fluten um sich selbst dabei für seine Instagram-Story zu filmen. Seit seiner Kindheit in Portugal war er an keinem anderen Strand mehr gewesen. Hier konnte er alle Probleme seines Lebens vergessen und sich ganz vom Wasser verschlingen lassen. Mit tropfenden Kleidern lief er durch die Eingangshalle des Grad Hotels. Aus unserer Suite hatten wir einen herrlichen Blick auf das Meer und lauschten den Wellen, bis wir eingeschlafen waren. Nach dem Frühstück fuhren wir die italienische Riviera entlang bis nach Monaco. Unser Hotel lag im Yachthafen auf der Rückseite des Prinzessin Grace gewidmeten Rosariums. Unser Zimmer, in dem sonst Crewmitglieder der Luxusyachten übernachteten, blickte direkt auf den Kai. Mit seinem Skateboard begab sich Noah auf die legendäre Formel Eins Strecke. Er flitzte durch den Hafen über schwankende Planken, die zwischen den Molen gespannt zu den schönsten Yachten führten. Eines der Bote wurde mit blauem Licht von unten angestrahlt.

In den ersten Jahren am Gymnasium und der Realschule kannte Noah nichts außer Schule und Eishockey. Frankfurt Lions, Hessenauswahl, Nationalmannschaft, jeden Tag Training, keine Freunde, keine Freundin, keine Partys. Sein Vater, der sich selbst vom Einwanderer ohne Berufsabschluss zum Altenpfleger hochgearbeitet hatte, erwartete Höchstleistungen und hielt seinen Sohn von allem fern, dass dem Ziel der Karriere als Eishockeyprofi schaden könnte. Diesem Druck konnte Noah nicht mehr standhalten. Sein Vater hatte ihn gerettet, als seine Mutter verschwand, aber jetzt musste er flüchten, auf die Straße, ins Heim, zu Drogenfreunden und Techno-Raves. Er fing an sein Leben selbst zu gestalten, und das ging nur ohne seinen Vater, der ihm mit seiner neuen Frau einen kleinen Bruder beschert hatte. Noah Freundinnen waren meistens älter als er. Er wechselte sie ständig, ganz nach dem Vorbild seines Vaters, der auch mit mehreren Frauen Kinder in die Welt gesetzt hatte.

Im Herbst fing Noah wieder an bei seiner Eishockeymannschaft in Frankfurt zu trainieren. Traf seinen Vater gelegentlich und hing mit seinen alten Kumpels ab. Eine andere alte Sünde hatte ihn eingeholt. Auf seinem Fensterbrett im Kinderheim war scharfe Pistolenmunition gefunden worden. Um die ihm vor einem Jahr auferlegten Arbeitsstunden hatte er sich gedrückt. Das kam bei einer Polizeikontrolle heraus. Statt seinen Hauptschulkurs weiter zu besuchen, hing er in Frankfurt ab. Übernachtete bei einer Freundin, ging zweimal die Woche zum Training und versuchte an den Wochenenden Sozialstunden zu leisten. Dass wir Weihnachten zusammen feiern und über Silvester nach Südspanien fliegen wollten, hatten wir vorher ausgemacht. Unter dem Weihnachtsbaum bei meiner Mutter fand er ein neues Smartphone. Wer so spontan und so viel unterwegs ist, muss erreichbar bleiben. Am Heiligen Abend brachte ich ihn später zu einer Tante. Mit seinem Vater geriet er dort wieder heftig aneinander. Die Feiertage verbrachte er bei einer Freundin, bevor wir uns ins Flugzeug nach Andalusien setzten. Zurück nach Portugal wollte er noch nicht, deshalb hatten wir uns für Spanien entschieden. Er hatte versucht, seine Flugangst mit Videos von Flugzeugabstürzen zu bekämpfen, und war überzeugt, dass er diesen Flug nicht überleben würde. Die Details aus den Absturz-Filmen zelebrierte er vor dem Abflug auf der Gangway, was anderen Mitreisenden gar nicht gefiel. Von Malaga, Granada und Cordoba wollte Noah nicht viel sehen. Es schlief bis in den Nachmittag. Ihm war es wichtiger, am Abend jemand zu finden, der ihm einen Joint verkaufte. Kurz vor Gibraltar entdeckte er am Strand ein Fischrestaurant. Mit Blick auf das Mittelmeer ließen wir uns zwei frisch gefangene mit Gräten gegrillte Plattfische schmecken. Der weiße Strand, das ruhige Meer und die heiße Sonne weckten Erinnerungen an Brasilien.

Silvester wollten wir in Cadiz feiern. Die älteste Stadt Europas mit 3000 Jahren Geschichte hatte ich auf meinen Reisen von Portugal aus mehrfach besucht. Dass sich die Menschen dort, um das neue Jahr zu feiern, nicht auf den Straßen versammelten, sondern den privaten Rahmen in ihren Häusern bevorzugten, hatten wir nicht geahnt. Auf dem Marktplatz fanden sich ein paar Touristen ein. Aber ein zentrales Feuerwerk, wie in anderen spanischen Städten, oder wilde Knallerei wie in Deutschland, gab es dort nicht. Noah konnte einem jungen Spanier den Rest seines Joints abluchsen. Unser Silvester war einsam aber schön. Auf dem langen Fußmarsch zurück ins Hotel am Atlantik-Strand entlang textete Noah unentwegt HipHop-Reime. Selten haben wir so viel gelacht.

In Sevilla werden viele Straßen von Orangen- und Zitronenbäumen gesäumt. Dort riecht es im Winter überall nach bitteren Zitrusfrüchten. Die Kugeln reihen sich im Straßengraben wie gelbe Perlen auf. Ein Park wird völlig von weißen Tauben beherrscht, die sich dort zum Winterquartier einfinden. Sie werden mit getrockneten Maiskörnern von den Besuchern gefüttert, die es dafür in kleinen Tüten zu kaufen gibt. Kaum hatte Noah seine erste Tüte geöffnet, stürzten sich die Tauben auf ihn, nahmen auf seinem Kopf, in seinen lockigen Haaren, auf seinen Schultern, Armen und Händen Platz. Noah war begeistert. „Ob wir eine Taube mit nehmen könnten?“ Aber die Tiere ließen sich nicht fangen. „Ich wünsche mir einen Raben als Haustier, der mir aus den Händen futtert und mich überallhin begleitet“, meine Noah, und kaufte sich eine Mais-Tüte nach der anderen. Die Tiere hatten es ihm angetan. Sie aus seinen Händen Körner picken zu lassen war schöner als jeder Joint.

Hatte es sich Noah über Silvester noch nicht zu getraut, in die Straßen seiner Kindheit am Rand von Lissabon vorzudringen, war er über Fasching bereit in die Vergangenheit einzutauchen. Mit Leon flogen wir ein paar Tage nach Lissabon und weiter zum Party-Urlaub nach Gran Canaria. Noah konnte sich kaum mehr an seine Mutter erinnern. Ob sein Vater noch Kontakt zu ihr hatte, wusste er nicht. Ein Jahr später meldete sie sich über Facebook, aber dass interessierte Noah kaum. Zunächst suchten wir den Strand im Norden von Lissabon, an dem Noah mit seinem Vater oft zum Surfen war. Gerade versank die Sonne dunkelrot im Meer, als er die Felsen, von der die Bucht eingefasst war, erkannte. Am nächsten Tag sind wir in das Dorf gefahren, in dem Noah den von Nonnen betreuten Kindergarten besucht hatte, während Leon sich heimlich einen Lover in unsere Ferienwohnung bestellt hatte. Wir fanden den Dorfplatz, die Kirche, Kindergarten und Schule, wo man sich an ihn erinnern konnte. Auf dem Schulhof war ihm mal ein Armkettchen aus kleinen blauen Perlen gerissen. Und tatsächlich fand er in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen ein paar der damals verlorengegangenen Perlen. Mit der Adresse seiner Mutter, die er von den Nonnen bekommen hatte, kamen wir nicht weiter. Sie war bei den Nachbarn, sie war in der Straße nicht mehr bekannt. Es konnte sich niemand an sie erinnern, oder wollte es nicht. Im alten Stadion seines Rollhockeyvereins, wo er als Kind täglich trainiert und als Talent entdeckt wurde, traf er einen alten Trainer und schickte seinem Vater ein Selfie, das diesen wohl in heftiges Staunen versetzte. Wie sollte der mitteilose Straßenjunge, für den er seinen Sohn hielt, in die portugiesische Heimat gelangt sein, die er selbst nie wieder gesehen hatte.

„Ich muss weiter ziehen“ sagte Noah nachdem er ein Jahr bei mir gewohnt hatte. Sein Vater war mit Frau und Sohn inzwischen an die Nordsee verzogen. Die Adresse in Frankfurt, an der Noah weiterhin gemeldet war, gab es nicht mehr. Er wollte in Bremerhaven Eishockey spielen und sich dort Job und Zimmer suchen. Sein Vater wollte ihn gern in seiner Nähe sehen, aber nicht unter seinem Dach. Um Job und Zimmer zu finden spendierte ich Noah eine Woche Pension in Bremerhaven. Wenn ich in Urlaub war, hatte ich ihm schon mehrfach Hotelwochen in Frankfurt bezahlt. Mit einem Stapel ausgedruckter Bewerbungen stieg er in den Zug und kam ziemlich enttäuscht wieder zurück. Das von seinem Vater vermittelte Vorstellungsgespräch für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft hatte keinen Erfolg. Man entschied sich für einen erwachseneren Studenten. Zusagen von der Volkshochschule für einen Hauptschulkurs und vom Eishockey-Verein hatte er auch nicht bekommen. Als ich zwei Wochen in Schottland auf Fotoreise war, sprach er beim Jobcenter in Frankfurt vor, und wurde aufgefordert, sich obdachlos zu melden. Jetzt konnte er sich gelegentlich ein paar Euros zum Essenkaufen bei der Obdachlosenbetreuung abholen. Er brauchte ein eigenes Zimmer. Da mir die Tücken des Arbeitslosengeldes II, auch Hartz IV genannt, seit meiner Tätigkeit als Dozent in Schulungsmaßnahmen für Arbeitslose durchaus bekannt waren, und ich befürchte musste, dass Noah diesen Regelungen nicht lange standhalten wird, war ich bereit die Miete für ihn zu tragen, wenn er einen Vermieter von sich würde überzeugen können. Das gelang ihm in Untermiete bei einer älteren Dame. Ich sicherte ihm seinen Lebensunterhalt, das Wohnungsamt unterstützte die Mietzahlungen. Sein Vater beteiligte sich nicht wie eigentlich angedacht. Er hatte ein Zimmer für seinen Sohn bei Bremerhaven aufgetan. Aber der Antrag beim Jobcenter auf Übernahme von Miete und Kaution wurde wegen Mietwucher abgelehnt. Die Quadratmeterzahl des Zimmers war auf die Miete umgelegt worden, ohne zu berücksichtigen, dass Bad, Küche, Flur und Wohnraum gemeinsam genutzt wurden. Nach ein paar Monaten hatte mein Widerspruch gegen die Ablehnung des Jobcenters Erfolg. Bevor Leon im September ein Jahr nach Brasilien gehen würde, flogen wir eine Woche nach London. Im September und Oktober bin ich von San Franzisco über Los Angeles und Las Vegas einmal um den Grand Canyon herum und zurück nach Kalifornien gereist. Im November und Dezember war ich in Südafrika und Namibia.

Zum Start ins nächste Jahr wollte ich meinen Bruder, der seit Jahrzehnten in Ghana lebt und dort verheiratet ist, besuchen. Sein jüngster Sohn wohnt bei meiner Mutter, um die Vorzüge des deutschen Schulsystems zu genießen. Mit ihm und Noah flogen wir kurz nach Silvester für zwei Wochen nach Afrika. Noah hatte sich vor einem halben Jahr mit dem älteren Sohn meines Bruders angefreundet, als der mich für einen Monat besucht hatte. Mit dem schwarzen afrikanischen Rapper hatte Noah sich langen nächtlichen HipHop-Sessions hingegeben, sie haben zusammen gefeiert und geraucht. Unter den schwarzen Jugendlichen in Afrika als Weißer zu gelten, war für Noah sehr ungewohnt. Dass sie im Beach-Café von einem fast legalen Dealer bedient wurden, der ihnen verschiedene Sorten Marihuana für Kleingeld anbot und ihnen die Joints akkurat drehte, schien fast wie im Paradies. Noah hatte gelernt mit Cannabis umzugehen. Von allen anderen Drogen ließ er die Finger. In seinem Freundeskreis hatte er zu viele erschreckende Beispiele kennen gelernt. Er konnte wochenlang auf Joints verzichten, und war mit sehr wenigen Blütenkrümeln zufrieden. Aber im Vergleich zu den Preisen und dem Stress, denen man sich zum Grasrauchen in Deutschland aussetzen muss, war es schon sehr angenehm mit Protagonisten der schwarzen HipHop-Kultur in Afrika in der Abendsonne am Strand des Atlantiks zu sitzen und bei einem Bier die Tüte kreisen zu lassen. Das Abenteuer Afrika zog Noah in seinen Bann. Mein Neffe machte ihn mit ein paar Mädchen bekannt, die es aber mehr auf das Geld des angeblich so reichen Weißen abgesehen hatten, als auf echte Liebe.

„Könnte ich mal ein paar Monate in Ghana bleiben“, frage mich Noah. So begeistert war er vom einfachen Leben mit warmem Waschwasser aus dem Kochtopf, kalter Dusche im Hof und ständigem Stromausfall. Dafür dröhnten die HipHop-Rhythmen die ganze Nacht vom Strand herüber. Das Ufer ist dort sehr flach, zum Schwimmen muss man weit ins Meer hinein laufen, wie bei Ebbe im Watt. Noah fühlte sich so wohl, weil er sich an seine Kindheit in Brasilien und Portugal erinnerte. Da mein Bruder einen Monat später zu einem Arzttermin nach Deutschland musste, konnte Noah dann mit ihm zurück nach Ghana fliegen. Drei Monate wollte er dort bleiben. Seine Vermieterin, die ältere Dame, hatte ihm sein Zimmer inzwischen gekündigt. Nächtliche Partys und der ständige Besuch von schwierigen Freunden hatte sie nicht weiter erdulden wollen. Doch sein Vater hatte ihm inzwischen ein Zimmer in Bremerhaven gemietet, ihn für den Hauptschulkurs und beim Jobcenter angemeldet. Nach zehn Tagen Ghana flog Noah zurück, räumte seine Zimmer aus und fuhr nach Norddeutschland, kurz bevor ich von meiner Patagonien-Reise zurückkam. Jetzt bezahlte der Jobcenter Noahs Leben. Und ich unterstützte ihn mit Bahnfahrkarten, damit er seine Freundin alle zwei Wochen besuchen konnte. Wie man nach Amerika auswandern kann, hatte mich Noah immer wieder gefragt. Er träumte von New York, Chicago und Los Angeles, so wie er diese Großstädte aus Filmen kannte.

Im Mai starteten wir zu einer Rundreise durch die östlichen Bundesstaaten und Kanada. Seinen Geburtstag würden wir in Chicago mit einer Jet-Ski Tour krönen. Vor einem Jahr hatte er seine Freundin kennen gelernt und so war ihm der tägliche Textnachrichtenaustausch fast wichtiger als Boston, Montreal, Toronto, Washington und Philadelphia. In der ersten Woche in New York stürmten wir die Markenläden von Nike, Adidas, Champion, Supreme, BAPE und diverse Kaufhäuser am Broadway. Wir mussten uns für den Rückflug zwei weitere Koffer anschaffen, um die neuen Klamotten mit nach Hause nehmen zu können. Der Blick auf die in der Nacht bunt angestrahlten Niagara-Fälle aus unserem Hotelzimmer faszinierte ihn. Wir hatten uns das farbige Beleuchtungsspektakel erst vom Flussufer aus angesehen. Auch in Washington interessierte ihn das Jet-Ski-Fahren mehr als Capitol und Weißes Haus. Auf einem öffentlichen Schießstand inklusive Waffenvermietung mit einem scharfen Maschinengewehr auf die Kreise der Zielscheibe zu ballern, hat Noah nicht ganz so begeistert, wie es sich das zuvor ausgemalt hatte. Den Pappkamerad mit seinen Löchern im Gesicht hat Noah trotzdem als Erinnerung mitgenommen. Wie vom Jobcenter schriftlich aufgefordert, bewarb sich Noah vor und nach dem Ausflug in die Staaten bei den angegebenen Arbeitgebern. Als er dann aber im Sommer gar nicht zum Hauptschulkurs in Cuxhaven erschien und sich zumeist bei seiner Freundin in Frankfurt aufhielt, ich war August und September in Brasilien, Chile, Peru und Bolivien, im Oktober und November in Indonesien, sowie im Dezember in Australien und Neuseeland, forderte der Jobcenter Miete und ALG II für ein halbes Jahr zurück. In einem Telefonat hatte sich Noah verplappert und erzählt, dass er sich gelegentlich bei seiner Freundin aufhalten würde. Der Jobcenter hat dem jungen Mann mit ein paar tausend Euro Schulden ins Leben geschickt, die Forderung aber nicht gerichtlich eingetrieben. Während ich mir im Januar ein paar indische Sehenswürdigkeiten ansah und im März Berge, Wasser, Schnee und Sonne auf den Lofoten fotografierte, durfte Noah zum ersten Mal alleine auf meine Wohnung aufpassen. Zwischen diesen beiden Reisen vermittelte ich ihm einen Job bei Burger King, in dem er mit Fleiß, Engagement und Pünktlichkeit sein erstes Geld verdiente. Im April wurde seine Tochter geboren. Jetzt bezieht er wieder Hartz IV, lebt in einer Wohngemeinschaft in der Nähe seiner Tochter und besucht den nächsten Hauptschulkurs.

Sein Geld vom Jobcenter lässt sich Noah auf mein Konto überweisen, damit ich ihm alle paar Tage ein paar Euro mit Paypal schicken kann. „Das ist besser, dann gebe ich nicht alles sofort aus“. Er hat sich für den Führerschein angemeldet und ein paar Monate bei McDonalds gejobbt. Dafür zieht ihm der JobCenter monatelang Überzahlungen ab. Aber Noah kommt auch mit dem halben Regelsatz zurecht und spart sogar noch etwas für die Fahrstunden. Zum ersten Mal in seinem Leben gibt er weniger Geld aus, als er bekommt. Im Frühjahr kann er sich endlich wieder sportlich betätigen. Nach einem Basketballnachmittag fällt er müde ins Bett. Den Winter über hatte er kaum vor dem Morgengrauen Schlaf gefunden. Er hat mit dem Rauchen aufgehört und lässt die Joints mit Blick auf den Führerschein lieber sein. Wir sehen uns fast jeden Monat. „Ich habe zum ersten Mal verstanden, wie man lernt“, erklärte er mir, nachdem er sich die Regeln fürs Autofahren aus unzähligen Youtube-Videos auf über hundert Seiten Papier niedergeschrieben hatte. Die Übungsaufgaben zur Hauptschulprüfung schafft er ganz gut. Die Abendschule hat er wirklich nur selten geschwänzt. Er hat sich für die Ausbildung als Altenpflegehelfer in derselben Seniorenresidenz beworben, in der sein Vater einst gearbeitet hatte und will seine Schulausbildung an der Abendrealschule fortsetzen. Er hat sein Leben gut im Griff und dankt mir dafür immer wieder gerne.

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